London 2012: Berichterstattung mit Handicap

Am Sonntagabend gingen in London die 14. Paralympics zu Ende, die olympischen Spiele für Sportler mit Behinderung. Das Motto «Dabeisein ist alles» gilt natürlich auch für diese Spiele. Wer aber kaum dabei war, waren viele Schweizer Medien…

Ist Schach überhaupt ein Sport, schliesslich sind die einzigen Meter, welche Schachspieler zurückzulegen haben, ja nur jene bis zum Schachbrett? Und leisten Skifahrer eine bessere oder höhere sportliche Leistung als Tennisspieler, Fussballer oder Triathleten?

In jedem Fall ausserordentliche Leistungen

Hört man den Sportlern aller Sportarten bei den Interviews zu, so stellt man schnell fest, dass nicht bloss die körperliche Leistung an einem Sportanlass relevant ist, sondern vor allem auch die mentale. Häufig ist deshalb die Rede davon, «dem Druck standhalten» zu müssen, wobei hier nicht physischer Druck auf den Körper, sondern psychischer Druck auf Geist und Seele gemeint ist.

Oder anders ausgedrückt: Sport ist mehr als bloss eine körperliche Leistung, beim Sport läuft in jedem Fall vieles über den Kopf ab. Bei welchem Sport es nun mehr auf die körperliche oder mehr auf die geistige Stärke ankommt, ist schwer messbar. Darum ist es müssig, eine Sportart als «die Bessere» gegenüber einer anderen Sportart einzuordnen.

Mindestens so müssig ist aber auch die Frage, wer denn nun der bessere Sportler sei: Derjenige, welcher 5000 Meter rennend und damit zu Fuss zurücklegt oder derjenige, der die gleiche Distanz rollend und in einem Spezialrollstuhl bewältigt?

Es gibt keinen Besseren von den beiden. Sie lassen sich von der sportlichen Leistung her ebenso wenig vergleichen wie sich Diskuswerfer nicht mit Speerwerfern oder Badmintonspieler nicht mit Tischtennisspielern vergleichen lassen.

Dennoch haben die verschiedenen Sportarten vieles gemeinsam. Die prägnanteste Gemeinsamkeit betrifft das regelmässige Training mit dem Ziel, die eigene Leistung zu steigern oder wenigstens zu erhalten. Eine auf die Sportart ausgerichtete Ernährung gehört bestimmt auch zu den gemeinsamen Charakteristika, währenddem die Einnahme leistungssteigernder Substanzen für alle gleichermassen verboten ist. Im gegenseitigen Umgang gilt zudem für alle das Prinzip der Fairness.

Diese kurze Auflistung an Gemeinsamkeiten liesse sich noch beliebig erweitern. Ein Punkt sei aber speziell hervorgehoben: Sie alle leisten Ausserordentliches, was sie schliesslich von uns (Breitensportlern) unterscheidet und zu Spitzensportlern macht. Das gilt in gleicher Weise für die «normalen» wie für die «behinderten» Spitzensportlern.

Was die «normalen» Sportler von den «behinderten» heute noch unterscheidet, ist nicht sportlicher Natur. Es ist vielmehr die Trennung in diese beiden Kategorien und die dementsprechend unterschiedliche Behandlung.

Fünf statt bloss zwei Schweizer Olympiasieger

Unterschiedlich, und zwar nicht besser, sondern schlechter behandelt werden Sportler mit einer Behinderung vor allem in den Medien. Wenn überhaupt von diesen sportlichen Leistungen die Rede ist, dann bestenfalls in einer Randnotiz.

So findet sich online beim Schweizer Fernsehen kein einziger Text– oder Video-Beitrag über die Leichtathletik-WM der Behinderten im 2011 in neuseeländischen Christchurch oder über die Leichtathletik EM im niederländischen Stadskanaal vom Juni dieses Jahres. Dabei holten die Schweizer Teilnehmer beispielsweise beim letztgenannten Anlass stattliche zwei Gold-, vier Silber- und vier Bronzemedaillen.

Mit dieser kargen Berichterstattung steht das Schweizer Fernsehen allerdings nicht alleine da. Auch auf anderen News-Plattformen sucht man vergeblich nach entsprechenden Beiträgen unter anderem zu diesen beiden jüngeren, internationalen Wettbewerben unter Behindertensportlern.

Das gilt in gleicher Weise bei den nun zurückliegenden Paralympics in London. Einen sachlichen Grund gibt es dafür nicht, denn wie oben erwähnt, ist es müssig darüber zu urteilen, welche Sportler – ob behindert oder nicht – denn nun die besseren Leistungen mit ihrer Sportart erbringen.

Auch ein Blick auf den Medaillenspiegel der olympischen Spiele und der Paralympics rechtfertigt aus Schweizer Sicht eine unterschiedliche Behandlung nicht:

Wir Schweizer haben somit nicht bloss vier Medaillen in London geholt, sondern deren 17, und wir haben nicht nur zwei Olympiasieger, sondern deren fünf – wenn man denn bereit ist, alle Leistungen gleich anzuerkennen, genauso wie das bei den zwei Gold- oder Silbermedaillen an den olympischen Spielen der Fall ist. Oder ist jeweils eine der beiden Medaillen goldiger oder silbriger als die andere?

Hierzu sei auch eine Äusserung von Bundespräsidentin Eveline Widmer-Schlumpf am ersten Wettkampftag der Paralympics erwähnt:

Ich habe immer gesagt, dass die Paralympics die gleiche Bedeutung haben wie die olympischen Spiele. Sie sind ein Teil der olympischen Spiele.

Schade nur, dass die Paralympics bei der Berichterstattung nicht die gleiche Bedeutung haben.

Markante unterschiedliche Behandlung

Eine besondere Rolle bei dieser Berichterstattung spielen die Medien Radio und Fernsehen. Im Gegensatz zum Print-Medium wurde diesen beiden Medien mit dem Radio- und Fernsehgesetz (RTVG) nämlich ein klarer gesetzlicher Rahmen bezüglich Inhalt gesetzt.

So beschreibt Artikel 4 des RTVG die «Mindestanforderungen an den Programminhalt». Absatz 1 sagt dazu:

Alle Sendungen eines Radio- oder Fernsehprogramms müssen die Grundrechte beachten. Die Sendungen haben insbesondere die Menschenwürde zu achten, dürfen weder diskriminierend sein noch zu Rassenhass beitragen noch die öffentliche Sittlichkeit gefährden noch Gewalt verherrlichen oder verharmlosen.

Schaut man sich die Sendeleistung des Schweizer Fernsehens bezüglich Paralympics im Speziellen an, kommt man nicht an der Frage vorbei, ob die karge Berichterstattung letzten Endes nicht diskriminierend war.

Zu den Paralympics gab es schliesslich keine allabendliche Sendung «London at eight» oder «London Highlights». SF zwei und teilweise auch SF info berichteten nicht fast ununterbrochen und live aus London, so wie das bei den olympischen Spielen der Fall war.

Online wurde für die olympischen Spiele sogar eine eigene Rubrik «London 2012» eingerichtet, welche via london.sf.tv erreichbar war. Für die Paralympics 2012 gab es diese Sonderbehandlung nicht, und Beiträge zu den Paralympics sucht man unter london.sf.tv vergeblich.

Im Vorfeld der olympischen Spiele berichteten auch andere SF-Redaktionen als die Sportredaktion über diese Spiele. So sprach etwa die «Tagessschau» am 27. Juli in ihrem ersten (!) Beitrag über die am gleichen Abend bevorstehende Eröffnung der olympischen Spiele.

Am 29. August, dem Eröffnungstag der Paralympics, gab es nicht etwa an fünfter Stelle einen Tagesschau-Beitrag über die anstehende Eröffnung, sondern es gab überhaupt keinen Beitrag dazu. Herr und Frau Schweizer erfuhren erst aus der Tagesschau des nächsten Tages, dass abends zuvor die Paralympics im mit 62‘000 Zuschauern voll besetzten Olympiastadion eröffnet wurden.

Ausflüchte

Angesprochen auf die schwache Präsenz dieser Spiele beim Schweizer Fernsehen antwortete Peter Staub, Redaktionsleiter der Sendung «sportpanorama», eher ausweichend. Von vielen und langen Wettkämpfen ist da die Rede, fehlenden Live-Bildern und fehlenden Ressourcen.

Dass es viele und lange Wettkämpfe gab, kann man aber nicht gelten lassen. Das war bei den olympischen Spiele nicht viel anders. Auch dass die Ressourcen fehlten, ist ein schwaches Argument. Hätte man die Paralympics von Anfang an gleich wie die olympischen Spiele behandelt, wären auch die Ressourcen entsprechend eingeplant worden.

Zudem wurden von den olympischen Spiele auch Wettkämpfe ohne Schweizer Beteiligung gezeigt. Hier wurden also Ressourcen gebunden, die nicht unbedingt notwendig gewesen wären oder die man in die Vorbereitung der Paralympics hätte stecken können.

Somit bleibt nur der Punkt bezüglich fehlender Live-Bilder. Diese Tatsache kann man nun einfach so schulterzuckend hinnehmen – oder man kann ganz konkret nach solchen Bildern fragen. Täten das einige TV-Stationen, entstünde eine Nachfrage, welche seitens Organisatoren nicht ignoriert werden könnte. Dass Staub nicht davon spricht, etwas gegen diese fehlenden Live-Bilder unternommen zu haben, lässt vermuten, dass gar nichts gemacht wurde.

Die äusserst schwache Berichterstattung des Schweizer Fernsehens hat auf jeden Fall dazu geführt, dass Swiss Paralympics, das nationale paralymische Komitee, die Sendezeiten von ARD und ZDF empfahl:

Wertlosere Olympiamedaillen?

Nun könnte man die dürftige Berichterstattung auch mit der geringeren Anzahl an Paralympioniken oder dem vielleicht geringeren allgemeinen Interesse rechtfertigen. Davon spricht Staub interessanterweise aber nicht.

Und selbst wenn dem so wäre: Relevant ist eben auch, wie und wo die Leistungen der Schweizer Teilnehmer innerhalb der bestehenden Gefässe dargestellt werden. Die nachfolgende Aufstellung bezieht sich auf die Berichterstattung nach einem Medaillengewinn durch eine Schweizerin oder einen Schweizer innerhalb der Sendegefässe Tagesschau und Sport aktuell/Panorama:

 

Zusammengefasst: Der Gewinn einer olympischen Medaille war der Tagesschau-Redaktion häufig nicht einmal eine Erwähnung wert oder wurde erst nach anderen Sport-Themen erwähnt.

Die Sportredaktion berichtete zwar regelmässig über die Schweizer Resultate an den Paralympics und dies nicht nur dann, wenn eine Medaille gewonnen wurde (auch an den anderen, oben nicht aufgeführten Tagen). Dennoch lässt sich die zweitrangige Behandlung nicht wegreden.

Den nur alle vier Jahre stattfinden Paralympics wurde nicht bloss nur kein eigenes Sendegefäss gewährt – täglich fünf oder zehn Minuten hätten schon gereicht – sondern sie erhielten auch innerhalb der bestehenden Sendegefässe keinen festen Platz wie beispielsweise zu Beginn von Sport aktuell oder zu Beginn des Sportteils innerhalb der Tagesschau. Über andere Nationen wurde so gut wie gar nichts berichtet. So dürfte auch niemand mitbekommen haben, dass China ganze 95 (!) Goldmedaillen nach Hause holte.

Programmauftrag verletzt (?)

Der vierte Absatz von Artikel 4 des RTVG enthält noch eine weitere Anforderung an den Programminhalt:

Konzessionierte Programme müssen in der Gesamtheit ihrer redaktionellen Sendungen die Vielfalt der Ereignisse und Ansichten angemessen zum Ausdruck bringen.

Nun lässt sich lange darüber streiten, was genau unter «angemessen» zu verstehen ist. Tatsache ist aber, dass es ein Schweizer Fernsehen als angemessen betrachtet, das geplante Programm von SF zwei während Stunden über den Haufen zu werfen um den Finalmatch eines Roger Federers zu zeigen. Es scheint jedoch nicht angemessen zu sein, die nur alle vier Jahre stattfindende Eröffnungs- oder Schlussfeier der Paralympics zu zeigen. Muss man das nachvollziehen können?

Artikel 24 des RTVG umschreibt den Programmauftrag der SRG noch genauer:

Die SRG erfüllt den verfassungsrechtlichen Auftrag im Bereich von Radio und Fernsehen (Programmauftrag). Insbesondere:
a. (…)
b. fördert sie das Verständnis, den Zusammenhalt und den Austausch unter den Landesteilen, Sprachgemeinschaften, Kulturen und gesellschaftlichen Gruppierungen und berücksichtigt sie die Eigenheiten des Landes und die Bedürfnisse der Kantone;
c. (…)

Was das Schweizer Fernsehen insgesamt während der Paralympics bot, war keine Verständnisförderung für die gesellschaftliche Gruppierung der Behindertensportler. Es war – bezüglich Behindertensportler einmal mehr – eine bewusst in Kauf genommene schlechtere Behandlung von Menschen, die schon in ihrem Alltag ständig gegen eine Ausgrenzung und für eine Gleichbehandlung kämpfen müssen.

Dabei besagt sogar die Bundesverfassung, dass niemand wegen einer körperlichen, geistigen oder psychischen Behinderung diskriminiert werden darf. Ob das für die Medien bezüglich Behindertensportler nicht gilt?

 

4 Antworten auf „London 2012: Berichterstattung mit Handicap“

  1. ich finde deine schlussfolgerung etwas gewagt. von diskriminierung kann man da nun wirklich nicht reden. sonnst wäre ja jedes nicht übertragene tontaubenschiessen auch diskriminierung.

    sportfernsehen funzt einfach anders, das ist ein massengeschäft, wo nur quote zählt. ob das gut oder schlecht ist, ist egal, es ist die realität. paralympics oder frauenfussball interessiert am tv nun mal fast niemanden. so wie ringen oder fischen. okay, für fischen gibts in den usa spartenkanäle, die nicht schlecht laufen sollen, aber soweit sind wir hier noch nicht.

    ich will damit nichts gegen die paralympics sagen, aber gegen die abstruse forderung, sowas müsse in den medien gleich abgebildet sein wie die „normalen“ sommerspiele.

  2. @ Bugsierer
    In London besuchten rund 3 Mio. Zuschauer die Paralympics. Manche ganz „normale“ WM erreicht nie solche Besucherzahlen, wie etwa die Mountainbike-WM in Österreich. An der Fussball-EM in Polen und der Ukraine nahmen an den Spielen selbst insgesamt nicht einmal die Hälfte der oben genannten 3 Mio. in den Stadien teil. Und auch an den anderen Turnieren (Fussball, Tennis, Formel 1), welche teilweise vor den Berichten der Paralympics gezeigt wurden, haben weniger teilgenommen. Von mangelndem Interesse bzw. fehlenden Massen würde ich daher nicht sprechen.

    Doch abgesehen davon: Wozu zahlen wir eigentlich Billag-Gebühren?

    Ginge es nach dem Kriterium „Masse“, damit so auch Werbegelder angezogen werden, brauche ich diese Gebühren nicht zu zahlen. Ich zahle sie eben deshalb, damit die SRG „die Vielfalt der Ereignisse … angemessen zum Ausdruck bringt“, also dass eben auch einmal das gezeigt wird, hinter dem keine Kommerzmaschine steckt.

    Ich erwarte nicht, dass gleich über jedes Tontaubenschiessen live berichtet wird, es gibt ja schliesslich noch dieses Wort „angemessen“. Dass aber über gewisse Ereignisse überhaupt nicht berichtet wird, ist stossend. Beispielhaft dafür ist, dass „sport aktuell“ am 21.01.2011 zwar darüber zu berichten wusste, dass Deutschland Sieger der inoffiziellen „Eisfussball-WM“ geworden sei. Dass gleichentags in Christchurch die Leichtathletik-WM der Behinderten eröffnet wurde, wurde nicht einmal in einem einzigen Satz erwähnt.

    Für mich ist die Frage nach dem Umfang der Berichterstattung schliesslich auch so eine Huhn-oder-Ei-Frage: Ist kein Interesse da, weil sich tatsächlich niemand dafür interessiert oder weil niemand etwas darüber weiss, weil auch kaum jemand darüber berichtet? Ich tippe auf Letzteres.

  3. Ich gebe dir recht, finde ich ebenfalls so. Schreib das doch mal der Ombudsstelle. Hätte das nicht Chancen?

  4. @ Emanuel
    Ich halte die Chancen für sehr gering. Es ist ja nicht so, dass gar nicht über die Paralympics berichtet wurde. Ob über diese nun zu Beginn einer Sendung oder erst gegen Ende berichtet wird, liegt in der Freiheit der Redaktion. Und was eine „angemessene“ Berichterstattung konkret bedeutet, ist eben eine Ermessensfrage.

    So oder so: Eine derartige Beschwerde müsste von den entsprechenden Interessenverbänden lanciert werden. Paradoxerweise scheuen sich diese häufig aber davor, weil sie fürchten, in Zukunft gar nicht mehr Gehör bei den fraglichen Redaktionen zu finden…

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