Ausbeutung – what else?

Es gibt Plagiate und Plagiate. Dabei kann ein Plagiat ein anderes, gut gemeintes Plagiat auch in Frage stellen…

Nadine Masshardt ist eine junge, sympathische SP-Nationalratskandidatin im Kanton Bern. Sie ist nicht bloss «mehr als nur jung und blond» (Aussage auf ihrem Pop-Art-Plakat), sondern vor allem auch authentisch. Ihr Wahlkampf-Team hat inzwischen auch einige Videos produziert.

Plagiate mit Risiken

Drei der bisher vier veröffentlichten Videos sind Plagiate von bekannten Werbespots: Die Bündner Steinböcke von Graubünden Tourismus, die beiden Wenn-Du-Dein-Leben-noch-einmal-leben-könntest-Herren von Fielmann-Brillen und ein Nespresso-Spot mit George Clooney. Hier das letztgenannte Video:

Die Umsetzung dieser Videos weist verschiedene qualitative Mängel auf. In Anbetracht der beschränkten Mittel mag man darüber hinwegsehen. Inhaltlich sind sie äusserst dürftig, beschränken sich die Spots doch auf das Zeigen und die Erwähnung der Kandidatin. Eine Andeutung oder Erwähnung dessen, wofür sie sich einsetzen will, fehlt hingegen.

Trotzdem: Das kann reichen, um wenigsten den Namen einer breiteren Masse bekannt zu machen, vielleicht gerade weil die Nationalratswahlen grundsätzlich keine eigentlichen Personenwahlen sind.

Es reicht hingegen nicht, ein einfaches Video zu produzieren und auf Youtube zu stellen. Das schaut sich kaum jemand an. Darum ist die Idee clever, Plagiate von bekannten Werbespots zu produzieren, denn über solche spricht man .

Es besteht zwar das Risiko, dass die Hersteller der betroffenen Produkte Klage einreichen. Täten sie das aber, würden sie Masshardt unverhofft zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen, weil dann jeder das betroffene Video erst recht sehen will. Darum werden sich die ursprünglichen Hersteller eher mit Klagen zurückhalten.

Tücken oder Gefahren beim Plagiieren gibt es aber trotzdem, denn es gibt eine ungeschriebene, goldene Regel: Wenn Dein Plagiat nicht zum Boomerang werden soll, dann plagiiere nur Dinge, von denen Du sicher weist, dass sie in kein schiefes Licht geraten können.

Bei Graubünden Tourismus ist das Risiko eines Boomerangs relativ gering. Es bräuchte schon irgendein Skandal um Graubünden Tourismus oder um den fraglichen, inzwischen schon alten Werbespot, damit das Steinbock-Plagiat zu einem Boomerang werden könnte.

Etwas höher ist das Risiko bei den deutschen Fielmann-Brillen. Allerdings stellen sich wohl nur wenige die Frage, unter welchen Arbeitsbedingungen es eigentlich möglich ist, Brillen so billig herzustellen und zu verkaufen…

Der Nestlé-Boomerang

Bei Nespresso ist das Risiko eines Boomerangs jedoch hoch, steckt dahinter doch ein international tätiges Unternehmen, bei welchem vieles im Dunkeln liegt. Nestlé ist zudem ein Konzern, der in manchen Regionen der Welt der einzige Arbeitgeber ist. Darum wagt dort auch kaum jemand, ihn bei allfälligen Missständen an den Pranger zu stellen.

Diese Aufgabe obliegt dann häufig Nichtregierungsorganisationen (NGO). Und eine solche, Solidar Suisse, stellt nun Nestlé anhand eines Georg Clooney-Werbespot-Plagiats an den Pranger:

Das wäre er dann, der Boomerang, der Masshardt in ein schiefes Licht geraten lässt. Ob sie nun wenigstens George Clooney schreibt, das fragliche Video vom Netz nimmt oder sich gar direkt an Nestlé wendet?

P.S. Dieses vierte Video hier ist doch um einiges sympathischer, auch wenn es keine Cumulus-Punkte gibt, sollte man die beiden wählen… 😉

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4 Antworten auf „Ausbeutung – what else?“

  1. plagiat ist hier wohl der falsche begriff. es handelt sich eher um eine art adaptionen, umwandlungen, die ihre herkunft nicht verleugnen, sondern im gegenteil davon profitieren wollen. ähnlich wie die adaption eines songs.

    ob die adaptierten spots der frau masshardt gerecht werden, möchte ich auch bezweifeln. ob adaptierte ideen mehr bringen als eigene erst recht.

  2. Nur ein paar hundert Leute damit zu erreichen ist ernüchternd, vor allem, wenn man dann auch noch extra viel Geld für eine Profifilmer-Agentur locker macht, nur dass man es in HD auf youtube hochladen kann.
    Bei allem Effort, ob Guerilla-Aktion, Werbe-Adaption oder Trittbrettfahrerei, wird docj nur das Gesicht zum Namen auf der Wahlliste einer Partei hervorgehoben. Inhalte zum Profil und Problemlöse-Konzepte werden auch hier nicht geboten.

    Also, mehr als witzige Low-Budget Episoden für TV-Werbungjunkies (für Urheberrechtsklagen seitens der Unternehmen sollten sie schon mal ihr Budget aufstocken) sind die Werbe(ver)spot(t)s von Frau Masshard sowieso nicht.

    Erinnert mich irgendwie an die bereits 4 Jahre zurückliegende Parodie der Snowboard Garage, die sich damals mit ihren „Brettwaren“ über den Tele-Züri-Werbespot der Fischer Bettwaren AG lustig machte.
    Damals „entschuldigte“ sich die Garage mit einem Gratis-Board, dass Herr Fischer aber umgehend zurückgehen liess.
    😀

  3. @ Bobsmile
    Ja, ein paar hundert Leute zu erreichen ist ernüchternd, aber nach meiner Interpretation auch selbst verschuldet. Es reicht aus meiner Sicht nämlich nicht, bloss auf die Wahlen hin mal ein paar Videos zu produzieren und dann das Licht wieder auszuschalten.

    Es gibt auf Youtube einige Hand voll ganz spannender und privater Videoproduzenten, welche Jahre brauchten, um eine einigermassen stattliche Anzahl Abonnenten (oder auch nur normale Nutzer) erreichen zu können. Und dabei geht es noch nicht einmal um die „schwere“ Politik, sondern nur um den „leichten“ Spass-Faktor…

    Die von Dir erwähnte Parodie ist wenigstens gut gemacht… 😉

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