Alles neu, macht der Oktober?

Blickt man durch die Reihen von National- und Ständerat, so dominieren ältere, vorwiegend männliche Generationen. Zeichnet sich aufgrund der Kandidierenden für die kommenden Wahlen ein Wandel ab?

Mit dem Ende einer Legislaturperiode des Nationalrats (der Ständerat kennt übrigens keine Legislaturperiode) endet auch der quasi zeitlich befristete Arbeitsvertrag der Nationalrätinnen und Nationalräte. Darum ist es unsinnig, wenn – wie in diesen Wochen häufig zu hören – von «Rücktritten» die Rede ist. Man kann nicht von einem Amt aufs Ende der Amtszeit zurücktreten. «Rückzug aus dem Nationalrat» wäre wohl treffender.

Bestenfalls Trends

Weil es eigentliche Rücktritte nur während der vierjährigen Amtsdauer gibt, wird offensichtlich nur über diese Buch geführt. Über die Anzahl frisch Gewählter auf den Beginn einer neuen Legislaturperiode gibt es indes kaum offizielle Zahlen.

Verfügbar ist einzig ein Dokument über die «Abgänge pro Legislaturperiode», welches aber leider nur bis zur 45. Legislaturperiode (1995 – 1999) geführt wurde. Im besagten Zeitraum wurden übrigens fast die Hälfte aller Sitze (49 Prozent) neu besetzt, was damals dem höchsten Anteil an «frischem Blut» seit Einführung des Proporzwahlverfahrens 1919 entsprach.

Wie viele Abgänge es in den darauffolgenden Legislaturperioden gab, bleibt aber unbekannt. Und weil es keine offiziellen Abgänge aufs Ende dieser theoretisch noch laufenden 48. Legislaturperiode gibt, ist es auch schwer zu sagen, mit wie viel frischem Blut im neuen Parlament in jedem Fall zu rechnen ist. Ohnehin bleibt offen, ob solche, welche wieder antreten, auch wieder gewählt werden.

Bereits bekannt sind hingegen einige Zahlen über die Kandidierenden. Diese hat man in der Augenreiberei mit Zahlen aus früheren Wahlen etwas genauer angeschaut.

Aufgrund dieses Zahlenmaterials Aussagen darüber zu machen, wie «jung» oder wie «frisch» das neue Parlament sein wird, ist kaum möglich. Hingegen lassen sich an diesen Zahlen gewisse Trends wie etwa das Interesse, aktiv in der nationalen Politik mitzuwirken, erkennen.

Auswertung der Kandidierenden-Zahlen

Alle nachfolgend erwähnten Zahlen beziehen sich nicht auf die Kantone Uri, Ob- und Nidwalden, Glarus und die beiden Appenzell. Diese kennen heute das Majorzwahlverfahren, weshalb es keine Listen gibt, eine Anmeldung der Kandierenden bisher nicht nötig war (OW/NW auch erst ab diesem Jahr) und somit keine Vergleichbarkeit mit früheren Jahren möglich ist.

Anzahl Kandidierende insgesamt

Seit 1971 hat sich die Anzahl der Kandierenden mehr als verdoppelt. Von einem kontinuierlichen Anstieg kann allerdings nicht die Rede sein. Am markantesten gestiegen ist die Anzahl Kandidierender 1987. In den darauffolgenden zwei Wahlgängen stieg die Anzahl weiter etwas an, stagnierte hingegen ab 1995 und bis 2003 mit etwas mehr als 2‘800 Kandidierenden. Vor vier Jahren gab es einen weiteren Anstieg, welcher noch einmal beträchtlich auch für dieses Jahr ausfällt.

Entsprechend der höheren Anzahl Kandierender ergibt sich auch ein grösserer Ansturm pro Nationalratssitz. Rissen sich 1971 im gesamtschweizerischen Mittel noch knapp neun Kandidierende um einen Sitz, werden es am kommenden 23. Oktober knapp 18 sein:

Am schwierigsten ist die Wahl übrigens in den Kantonen Zürich (24), Basel-Stadt (23), Wallis (22), Bern (21) oder Solothurn (20). Dort kämpfen mindestens 20 Personen um einen Sitz.

Kandidierende nach Geschlecht

Rein nominell stieg der Anteil an Frauen und Männer stetig an. Ausnahme bildet einzig das Jahr 1999, als etwas weniger Frauen sich zur Wahl stellten. Deutlich erkennbar ist auch der sprunghafte Anstieg um 270 Kandidatinnen im bereits genannten «Rekordjahr» 1987:

Betrachtet man allerdings den prozentualen Anteil an Frauen und Männer, so stellen sich in diesem Jahr verhältnismässig deutlich weniger Frauen zur Wahl. Nachdem bei den jüngsten Bundesratswahlen das Geschlecht kaum mehr eine Rolle spielte, scheint dies offensichtlich auch bei den kommenden Nationalratswahlen kaum mehr ein Thema zu sein:

Betrachtet man die Anzahl Kandidatinnen in Prozent pro Kanton (siehe unten), so fällt auf:

  • Im Kanton Jura sind erstmal über 30 Prozent der Kandidierenden Frauen.
  • Die Kantone Freiburg, Schaffhausen und Graubünden fallen sogar wieder unter die 25-Prozent-Marke.
  • Auch in den Kantonen Basel-Landschaft, Tessin und Wallis tut man sich schwer damit, dass wenigstens 30 Prozent der Kandidierenden Frauen sind.

Kandidierende nach Kanton

Schaut man sich die Anzahl Kandidierender pro Kanton an (siehe unten), präsentiert sich ein sehr unterschiedliches Bild:

  • In den Kantonen Zürich, Luzern, Zug, Graubünden oder Jura stellen sich gegenüber 2007 kaum wesentlich mehr oder weniger Personen zur Wahl.
  • In den Kantonen St. Gallen, Tessin oder Neuenburg stellen sich spürbar weniger Personen zur Verfügung.
  • In den anderen Kantonen gibt es hingegen markant mehr Kandidierende. Am deutlichsten stechen die Kantone Waadt, Genf oder Solothurn hervor. Doch auch in den Kantonen Aargau, Solothurn oder Schwyz treten deutlich mehr Personen an.

Bei der Anzahl Listen pro Kanton zeigt sich in etwa das gleiche Bild: Entsprechend der Anzahl Kandidierender gibt es mehr, weniger oder gleich viele Listen zur Auswahl wie bei den Wahlen im 2007:

Kandidierende nach Altersgruppe

Sollte noch immer jemand behaupten, dass sich jüngere Menschen nicht in der Politik engagieren möchten, dann liegt er falsch. Mit 28 Prozent stellt die Altersgruppe der 21- bis 30-Jährigen inzwischen den grössten Anteil an Kandidierenden. Dieser Anteil ist seit 2003 kontinuierlich angestiegen.

Demgegenüber ist der Anteil Kandidierender der Altersgruppen der 41- bis 50-Jährigen sowie der 51- bis 60-Jährigen in den letzten Jahren kontinuierlich gesunken – trotz immer älter werdenden Generationen:

Dass der Anteil der 18- bis 20-Jährigen sowie der über 61-Jährigen markant kleiner ist, ist nachvollziehbar. Interessant ist hingegen, dass sich massiv weniger unter den 31- bis 40-Jährigen zur Verfügung stellen. Beruf, Familie oder Eigenheim gehen da vermutlich vor.

Teilt man die Kandidieren noch nach Geschlecht auf, ergeben sich marginale Unterschiede. So kandidieren etwas mehr Frauen der Altersgruppen der 21- bis 30-Jährigen sowie der 41- bis 50-Jährigen. Ab 51 Jahren scheint die Lust am Politisieren bei den Frauen leicht mehr zu verschwinden als im oben gezeigten Durchschnitt:

Bei den Männern kandidieren einige mehr als im Durchschnitt auch noch ab 61 Jahren:

Viel Spannendes

Über eine zu kleine Auswahl dürfen sich die Wählerinnen und Wähler an den kommenden Wahlen kaum beklagen. Fraglich ist, ob eine höhere Quantität auch eine höhere Qualität mit sich bringt. Darüber kann in vier Jahren bilanziert werden.

Spannend dürfte auch sein, wie sich der tiefere Frauen-Anteil auswirken wird. Zur Erinnerung: Im Nationalrat werden zurzeit nur knapp 30 Prozent der Sitze durch Frauen besetzt. Das sind rund fünf Prozent weniger, als vor vier Jahren kandidierten (35,2 Prozent). Es wäre durchaus denkbar, dass ob der Fülle an Kandidierenden letzten Endes das Geschlecht doch noch eine Rolle spielt – zugunsten der Frauen.

Zudem dürfte auch interessant sein, wie sich die Verzettelung der Kandidierenden auf insgesamt mehr Listen auswirken wird. Führt dies zu überraschenden Ergebnissen oder besinnen sich die Wählenden aufgrund der Liste-Fülle auf Bewährtes?

Schliesslich stellt sich noch die Frage, ob mehr Kandidierende und mehr Listen zu einer höheren Mobilisierung der Wählenden führt – oder ob diese nicht eher abgeschreckt werden. Die Antwort auf diese wie auch auf die anderen Fragen gibt es in rund zwei Wochen…

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