Straft sie ab! Alle! Ohne Ausnahme!

Kollektivstrafen, so würde man meinen, sollte es in der Schweiz nicht mehr geben. Wenn ein Politiker sie dennoch fordert, wird er vielleicht bald vom wählenden Kollektiv abgestraft…

Stellen Sie sich vor, Sie begeben sich auf eine Wanderung. Nach einiger Zeit gelangen Sie an eine Weggabelung. Für den einen Weg gibt es einen Wegweiser, der darüber Auskunft gibt, wohin er führt und wie lange man für den angegebenen Zielort benötigt.

Für den anderen Weg gibt es keinen Wegweiser. Wohin er führt, oder ob er gar in eine Sackgasse führt, bleibt unbekannt. Welchen Weg wählen Sie?

Gemeinsame Identitätssuche

Neue oder unbekannte Wege zu beschreiten ist immer mit dem Risiko verbunden, einen Weg einzuschlagen, der ins Nichts führt oder der an einen ganz anderen Ort führt als jenen, den man aufsuchen wollte. Es geht dabei Energie für nichts verloren und es muss weitere Energie aufgewendet werden um wieder auf den richtigen Weg zu gelangen.

Wer vor der besagten Weggabelung steht, der sucht nach Halt und Orientierung – und er findet diese dank Wegweiser. Darum werden die meisten jene Richtung einschlagen, in welche auch der Wegweiser zeigt und den nicht ausgeschilderten Weg ignorieren.

Nicht selten sind wir alle Wanderer und suchen nach Halt und Orientierung. Allerdings weisst uns nicht immer ein Schild den Weg. Selbst wenn dies der Fall wäre, hat derjenige, der das Schild aufgestellt hatte, vorwiegend eigene (und häufig kommerzielle) Interessen. Wir sind darum vielfach aufgefordert, einen Wegweiser zu hinterfragen.

Das gilt besonders für Jugendliche und junge Erwachsene. Sie suchen nicht nur intensiver nach Halt und Orientierung, sondern auch noch nach Identität, und dies alles verbunden mit dem jugendlichen Tatendrang, etwas bewirken und auf sich aufmerksam machen zu wollen.

Einzelkämpfer werden dabei eher Mühe haben. In einer Gemeinschaft wird hingegen der Einzelne (mit)getragen, darum eignen sich gemeinschaftliche Vorhaben besser, Halt, Orientierung oder Identifikation zu vermitteln. Doch womit oder woran soll man sich heutzutage noch identifizieren?

Religionen würden sich gut eignen, wird bei diesen doch viel gemeinsam praktiziert oder unternommen. Nur liegen sie gerade bei den jüngeren Generationen nicht besonders im Trend.

Da wären Stars aus dem Showbusiness besser geeignet. Diese sind jedoch immer weit von der «Basis» entfernt. Zudem lässt sich da nicht viel gemeinsam machen. Einzig die Talent-Shows führen zu einer Gruppenbildung und gemeinsamen Erlebnissen durch Begleitung während den einzelnen Sendungen. Kaum ist dieser «Spuk» wieder vorbei, zerfällt auch die jeweilige Fangemeinschaft.

Es gibt heute vor allem einen Bereich, bei dem eine Identifikation noch möglich ist: Beim Sport. Wohl jeder von uns hat schon mitgefiebert, wenn ein Einzelsportler oder eine ganze Mannschaft einen Wettkampf bestreitet. Und wohl jeden hat es auch schon mit einem bisschen Stolz erfüllt, wenn «unsere» Sportler gewannen oder hat auf den Tisch geklopft, wenn der Sieg nur um Haaresbreite verpasst wurde.

Unterschätzte Identifikation

Doch währenddem Einzelsportler kommen und gehen, bleiben die Mannschaften bestehen. Ein Fanclub für einen Einzelsportler verschwindet, sobald dieser Einzelsportler zurücktritt.

Demgegenüber sind Fanclubs von Mannschaften nachhaltiger und damit auch die Identifikation mit diesen Mannschaften. Sie bleiben bestehen, auch wenn es zu personellen Veränderungen kommt. Und: Es gibt genügend «Alternativen», sollte einem die Nase eines Mannschaftsmitglieds nicht passen. Bei Einzelsportlern wie etwa Roger Federer gibt es hingegen kaum Alternativen: Entweder man mag ihn oder man mag ihn nicht.

Diese Besonderheit der Nachhaltigkeit bei Fanclubs von Mannschaften darf man nicht ausser Acht lassen, denn sie bedeutet, dass alle Ereignisse rund um Fanclubs nicht bloss eine temporäre Erscheinung sind.

Dazu gehört auch die so genannte «Gewalt im Sport». Sie ist kein Ereignis, das nur temporär auftritt. Soviel dürften inzwischen auch die Verantwortlichen bei den Sportclubs, den Behörden und der Politik verstanden haben, welche sich schon seit Jahren vor allem mit repressiven Mitteln darum bemühen, diese Gewalt einzuschränken.

Dazu gehört aber auch der jüngste Vorschlag des Berner SVP-Justizdirektors Christoph Neuhaus, in Zukunft so genannte «Risikospiele» nur noch vor leeren Rängen spielen zu lassen, weil die Sicherheitskosten mit einer Viertelmillion Franken zu hoch seien.

Ob er schon begriffen hat, wie sehr sich einige Fans mit ihrem Club identifizieren und dass es eine Art «Überidentifizierung» mit einer Mannschaft ist, welche einige Fans aus Begeisterung oder aus Frustration zu unerwünschten Handlungen treibt?

Ob er schon verstanden hat, dass diese Sicherheitskosten ausserhalb der Stadien anfallen und diese auch dann anfallen könnten (oder sogar noch höher ausfallen werden), wenn er pauschal gleich alle Fans von einem Spiel ausschliesst, weil es dann zu Protestaktionen der eingefleischten Fans kommen könnte?

Ob er sich schon überlegt hat, was geschehen soll, wenn auch bei einem Nicht-Risikospiel etwas geschieht? Und wie reagieren die Sponsoren, wenn sie keine Garantie mehr haben, ob ein Spiel vor Publikum durchgeführt wird?

Schauen wir das Ganze noch von einer ganz anderen Seite an: Wenn sich die eingefleischten Fans nicht mit einem Sportclub identifizieren sollen, womit denn sonst?

Gibt es etwas Harmloseres als seine Freizeit mit dem Fan-sein eines Sportclubs zu verbringen und dabei beispielsweise auch neue Choreografien einzustudieren? Würden die Jugendlichen und jungen Erwachsenen nicht mehr Probleme verursachen, wenn sie nur «herumlümmeln» statt sich dem Fan-sein innerhalb von bekannten und Halt gebenden Strukturen widmen?

Einzelfälle behandeln statt kollektiv bestrafen

Statt die ganze Fanszene pauschal zu verteufeln, wäre es an der Zeit, von offizieller Seite her auch einmal ihre positiven Leistungen anzuerkennen. Das würde nämlich der so genannten Fanarbeit den Rücken stärken.

Darunter unterscheidet man heute die folgenden zwei Ebenen:

  • Die clubbezogene Fanarbeit erfolgt durch Fanverantwortliche, welche von den Clubs angestellt sind und das Bindeglied zwischen Fanclub und Sportclub darstellen.
  • Die so genannte sozioprofessionelle Fanarbeit ist eine noch relativ junge «Disziplin», welche den Schwerpunkt auf soziale Arbeit bei den Fans legt. Das betrifft nicht bloss die sozialen Aspekte rund ums Fans-sein. Mitarbeiter in diesem Bereich sind für alle Aspekte offen, welche die meist jungen Fans betreffen. Es sind quasi Sozialarbeiter, welche im Umfeld der Fanszene «eingebettet» sind.

Diese zweite Ebene wäre ein guter Ansatz, um präventiv und damit rechtzeitig bei jenen jungen Fans anzusetzen, die in ihrer Entwicklung radikale Züge annehmen oder angenommen haben und dann später, ohne sozioprofessionelle Fanarbeit, zu jenen «Störenfriede» werden, die mit unerwünschten und meist medienwirksamen Handlungen auffallen.

Allerdings: Im Kanton Bern nehmen zwei Personen für insgesamt 80 Stellenprozenten diese Aufgabe wahr, was BSC Young Boys, den Kanton und die Stadt Bern insgesamt 110‘000 Franken kostet. Verglichen mit den angeblich 250‘000 Franken, welche das eine Spiel von Mitte Juli zwischen YB und FC Basel an Sicherheitskosten gekostet haben soll, sind diese 110‘000 Franken für ein ganzes Jahr nichts.

Oder anders formuliert: Es wäre vielleicht klüger, die sozioprofessionelle Fanarbeit zu verstärken um situativ dort anzusetzen, wo es nötig wäre, statt pauschal alle Fans mit einem Ausschluss von einem Spiel und damit zugleich auch für ihr Fan-sein zu bestrafen.

Wer zeigt den politisch Verantwortlichen diesen noch relativ neuen Weg?

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3 Replies to “Straft sie ab! Alle! Ohne Ausnahme!”

  1. All deine Argumente in Ehren, aber wenn die Clubs wirklich wollten, hätten sie – statt für Millionen von Franken Spieler resp. Trainer zu verpflichten oder sich mit Stadien Denkmäler zu errichten – diese Fanarbeiter längst anstellen können. Wenn ihnen ihre Fans wirklich wichtig wären, hätten sie nicht jahrelang die Augen verschlossen und praktisch nichts getan. Es ist ja nicht so, dass man von nichts gewusst hat. Und es ist auch nicht so, dass man keine Vorbilder gehabt hätte im Ausland. Und wenn richtige Fans richtige Fans wären, würden sie jene unter ihnen, die regelmässig überborden, in die Pflicht nehmen. Ganz schlimm finde ich, wenn die älteren „Fans“ den Jungen vorleben, dass alles geht (vom Fackeln anzünden über Bahnwagen demolieren bis hin zum Zerstören von Essständen in den Stadien). Ich habe kürzlich mit einem Ex-Polizisten gesprochen, der Stadioneinsätze hatte. Dabei hat er mir unter anderem erzählt, wie Väter von unter Zehnjährigen im Beisein ihrer Kinder die Sau rauslassen, Hasstriaden brüllen, andere verbal aufs Gröbste beileidigen, Flaschen in die Reihen unter ihnen werfen usw. Da ist etwas extrem schief gelaufen – und die Clubs haben das zugelassen, die Gesellschaft hat es zugelassen (auch die SVP hat es zugelassen, weil in Fanzügen halt ganz häufig ganz viele „senkrechte“ Schweizer mitfahren).

    Ich finde es gut, dass Bewegung in die Sache kommt, sei es von Seiten des Bundes, der der SBB den Rücken stärkt, sei es in Form von Repression (resp. Bestrafung von „Fans“, die keine Grenzen kennen), sei es in Form verschiedener Vorschläge, die auf dem Tisch liegen und deren Umsetzung nun endlich in die Hand genommen wird.

    Ja, Kollektivstrafen sind mühsam. Aber die Clubs und die „wirklichen Fans“ hatten nun wirklich JAHRELANG Zeit, etwas gegen die Ausschreitungen zu unternehmen – stattdessen wird es mit jeder Saison noch etwas schlimmer. Wir können jetzt noch weitere 10 Jahre Fanarbeit versprochen bekommen, wir können uns noch weitere 10 Jahre das Jammern über geplante Massnahmen anhören. Oder wir tun endlich was. Fanarbeit auf der einen Seite, ja das ist wichtig und da passieren auch gute Sachen. Und auf der anderen Seite jenen, die gar nichts kapiert haben und denken, sie können alles tun und kämen mit allem davon, mit Repression begegnen.

  2. @ Alice
    Das oben am Schluss des Beitrags verlinkte „Rahmenkonzept“ vom Oktober 2010 liefert einen guten Überblick darüber, was bereits besteht (Seiten 8 – 11). Daraus ergeht auch, dass es bereits Fanarbeiter gibt, sowohl clubbezogene als auch sozioprofessionelle. Es ist also nicht so, dass da gar nichts gelaufen sei.

    Aber: Die clubbezogene Fanarbeit scheint noch immer eher ein stiefmütterliches Dasein zu fristen und die sozioprofessionelle Fanarbeit scheint ständig ihre Seinsberechtigung darlegen zu müssen. Insofern stimme ich Dir zu: Die Clubs hätten insbesondere bei der clubbezogenen Fanarbeit schon längst mehr machen können und könnten da auch heute „mehr Gas geben“.

    Auch bei der sozioprofessionellen Fanarbeit (ein grauenhafter Begriff…) sollte man m. E. mehr machen. Ich finde es allerdings nicht richtig, den „Schwarzen Peter“ für die auffälligen Personen den Clubs zuzuschieben, weil ich es für ein gesellschaftliches Problem halte. Diese Personen bräuchten auch ohne Clubs eine unterstützende, korrigierende Hand. Sie nutzen nur einfach die Clubs als Plattform:

    In den letzten zwei Jahren entluden sich die Konflikte praktisch nur noch ausserhalb des Stadions. Vermehrt sind Konfrontationen zwischen Polizei oder privaten Sicherheitskräften und Fanlagern zu erkennen und kleinste Auseinandersetzungen können aufgrund von Solidarisierungsmechanismen zu Ausschreitungen mit beängstigenden Aggressionen führen. Die Folge daraus kann sein, dass Fussball­ oder Eishockeyspiele für gewaltsuchende Personen als Platt­form interessant werden, wobei das Sportereignis in den Hintergrund rückt und die Möglich­keit, «Action» zu erleben, mehr Gewicht erhält.

    P.S. Schau Dir den oben verlinkten Film an.

  3. gegen oder wofür wird denn an diesen Konflikten gekämpft?

    Ich vermute, es ist Langeweile oder angestauter Frust über irgendetwas, vielleicht weil die Leute zu faul sind, um einen Waldlauf zu machen oder sonst Sport zu treiben oder einem Hobby nachzugehen.
    Jedenfalls peinlich für die Primitivität der Peilnehmer.

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