Regenwürmer

Annabelle mag keine Regenwürmer. Ganz im Gegenteil: Regenwürmer lösen bei ihr biodiversen Stress aus…

Rap ist gerade deshalb, weil es ein Sprechgesang ist, dafür prädestiniert, eine Botschaft abzusetzen. Doch politische oder gesellschaftskritische Botschaften sind eher selten, verhallen im Nirgendwo oder kommen nur bei einigen Wenigen an.

Stress bei Coop

Das liegt wohl auch an der Persönlichkeit und der Authentizität der Interpreten – wie zum Beispiel bei «Stress». Dieser liess sich bereits im 2007 fürs Thema Nachhaltigkeit für den Grossverteiler Coop zu einem Song und dazu passendem Werbe-/Video-Clip verpflichten.

«On n’a qu’une terre» hiess der Song und ist – selbstverständlich gegen Bezahlung – auch im Handel erhältlich. Er erhielt im 2008 sogar den «Swiss Music Award» in der Kategorie «Best Song National», was ihm auch gegönnt sein mag, denn ansprechend ist er, der Song.

Eine clevere Sache: Coop kolportierte über die «Coopzeitung» (eine der auflagenstärksten Zeitungen der Schweiz) und die TV-Werbung den Song in die Schweizer Haushalte und präsentiert sich dadurch als umweltbewusstes und engagiertes Unternehmen.

Demgegenüber braucht Stress eigentlich nur noch dafür zu sorgen, ausreichend Musikträger verfügbar zu halten. Die Eigenwerbung entfällt. Und da nirgends von einem kostenlosen, rein idealistischen Engagement zugunsten der Sache an sich die Rede war, dürfte er wohl doppelt von diesem Deal profitiert haben. Gewinner, wohin das Auge reicht…

Und wie steht es mit der Nachhaltigkeit?

Sie ist – je nach Standpunkt – wohl die Verliererin. Der Clip wurde auf Wunsch von Stress am halbwegs ausgetrockneten, aber weit entfernten Aralsee gedreht. Letzterer mag zwar ein vorzügliches Beispiel für die Eingriffe der Menschen in die Natur sein.

Nette Absicht, aber unglaubwürdig umgesetzt

Doch genau da hapert es eben mit der Authentizität, zumal Stress normalerweise seine Clips auch nicht so weit weg vom Heimmarkt dreht (weil ihm wohl auch nicht die Mittel dafür zur Verfügung stehen) und es hierzulande auch Beispiele für die Eingriffe des Menschen in die Natur gäbe.

Aber natürlich darf man eine Rapper-Ikone wie Stress nicht kritisieren und schon gar nicht, wenn es um eine so edle Sache wie Nachhaltigkeit geht. Und der Song ist ja wirklich nicht schlecht, oder? Also beide Augen zu und durch…

Leider wurden er und Coop zu «Wiederholungstätern». Beim aktuellen Song «C’est réel» geht es im UNO-Jahr der Biodiversität um – Biodiversität. Und für den Clip reiste man diesmal um die halbe Welt nach Australien, angeblich weil Australien so vielfaltig sei, wie Coop schon fast entschuldigend schreibt (nicht nur Schweiz Tourismus dürfte da wohl anderer Ansicht sein…).

OK, es waren zwar nur fünf Personen, welche gemäss Angaben von Coop nach Australien reisten und dort, mit lokal angeheuerten Personen, 18 Tage verweilten. Doch diese reisten gemäss Making of-Video kreuz und quer durch Australien. In australischen Verhältnissen sind das Hunderte von Kilometern. Eine lausige CO2-Bilanz, welche daraus resultieren dürfte (und natürlich nirgendwo angegeben ist).

Biodiversität liesse sich auch in der Schweiz darstellen, jenem Land, mit welchem sich die Kunden von Coop wohl am ehesten identifizieren können. Wie wäre es beispielsweise mit dem allseits bekannten Regenwurm?

Wohl nur die Wenigsten wissen, dass es hierzulande um die vierzig verschiedene Regenwurm-Arten gibt. Seit sich vor einigen Jahren auch Coop finanziell an einer Regenwurm-Ausstellung beteiligte, sollte der Grossverteiler über dessen Arten-Reichtum und dessen Bedrohung durch die Landwirtschaft wissen.

Authentischer, wenn…

Zugegeben, Stress und Regenwürmer, dass ist nicht besonders spektakulär. Gelänge es trotzdem, ohne viel Pomp beides unter ein künstlerisches Dach zu bringen, wäre die Botschaft aber umso authentischer.

Alternativ könnte man ja auch mit den anderen Schwerstarbeiterinnen der Natur, den Bienen, etwas machen. Dank Biene Maya haben wir von Kind auf bereits eine eher positive Einstellung zu Bienen (…bis uns die erste sticht).

Doch die Bienen sind ernsthaft bedroht. Keine Bienen, keine Bestäubung, keine Fortpflanzung, keine Früchte. Und bei Coop stünden die Regale leer. Aber das so zu zeigen wäre dann wohl wiederum zu authentisch und für den Absatz nicht besonders förderlich…

Erfrischend anders kommt da «s’Meitschi vom Breitsch» rüber. Mit gut geöltem, doppelzüngigem Mundwerk tritt Stefanie Peter, besser bekannt unter dem Künstlernamen «Steff la Cheffe», zwar unschweizerisch selbstbewusst auf, nimmt sich dann jedoch selbst nicht so ernst, was sie wiederum sympathisch macht.

Ihr würde man es wohl auch abnehmen, wenn sie darüber rapt, dass ihre Freundin Annabelle – und Petra noch dazu – beim Anblick von biodiversen Regenwürmern nicht besonders viel Joy verspüren… 😉

Wenn Songs auch etwas Nachhaltiges hinterlassen sollen, dann bitte mit Persönlichkeiten à la Steff, welche trotz überzogenen, witzigen und doppeldeutigen Texten authentischer rüberkommen als ein Stress, der den «Herzschlag der Natur» gemäss Coopzeitung von anfangs Mai offensichtlich nur in Australien hört…

Alles andere hinterlässt irgendwie einen schalen Beigeschmack von Kommerz und Käuflichkeit, welcher auch einen verschluckten Regenwurm nicht zu übertönen vermag.

Et ça, c’est réel!

4 Antworten auf „Regenwürmer“

  1. Yep, Stress kleidet sich etwas monoton. Vielleicht ist das das einzige CO2-neutrale Kleidungsstück, das er hat? 😉

    Was meinst Du mit ”geht gar nicht”?

  2. Möchte dies jetzt nicht zu einem eigenen Thema erheben. Wollte damit nur ausdrücken, dass ich mit Steff gar nichts anfangen kann. Und ich bin gutem Rap keineswegs abgeneigt.

    Bei dem was sie von sich gibt, bleibt bei mir gar nichts hängen. Mal schauen, wie lange man von ihr hören wird.

  3. Sie hat sicher einen eigen-willigen Stil, der gefällt oder nicht – wie bei allem im Musikbereich.

    Doch worauf ich hinaus wollte: Beim Rap geht es weniger ums melodiöse sondern vor allem um die Botschaft. Darum die Frage: Meint und lebt ein Rapper nach dem, was er gegenüber seinen Fans besingt bzw. «predigt»? Wenn ein Rapper beispielsweise gegen die Geschäftemacherei wettert, dann ist das zwar ganz nett. Aber wie hält er es selber damit? Und wenn ein Rapper irgendetwas von wegen Nachhaltigkeit schwubelt, verhält er sich dann selber auch nachhaltig?

    Es sind häufig Interviews (welche man auf den Tonträgern natürlich nicht findet), welche deutlich machen, ob jemand ernsthaft meint, was er oder sie besingt. Dabei nehme ich es Steff ab, dass sie sich dem ganzen Schönheitswahn widersetzt. Bei Stress habe ich jedoch so meine Mühe…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.