Visitenkarten-Revision

Die Welt in Sachen Berufsbezeichnungen ist komplizierter geworden. Dahinter verbirgt sich nicht selten nur viel heisse Luft. Aber wen kümmert das schon?

Zugegeben: In den letzten Jahren sind einige neue Berufsfelder entstanden, welche auch neue Berufsbezeichnungen mit sich brachten. Schon allein der ganze Multimedia-Bereich trug zu einer grösseren beruflichen Vielfalt mit entsprechend neuen Bezeichnungen bei.

Arbeitslose Politiker?

Zugleich ist es aber auch «normal» geworden, sich mit allerlei Titeln oder Bezeichnungen zu schmücken. Viel aussagen tun diese häufig nichts – aber sie klingen meistens unglaublich beeindruckend.

Vom Recht, sich selber so eine ungeschützte Bezeichnung anzuhängen, machen auch Politiker häufig Gebrauch. «Jurist», «Ärztin», «Landwirt», «Kauffrau» oder beispielsweise «Linienpilot» gehören da nicht dazu. Im Gegenteil: Da weiss man noch, woran man ist.

Die National- und Ständeräte Ursula Haller (BDB/BE), Elisabeth Schneider-Schneider (CVP/BE), Hans Stöckli (SP/BE), Pierre Triponez (FDP/BE), Peter Bieri (CVP/ZG), Jean-René Fournier (CVP/VS), Pankraz Freitag (FDP/GL) und Claude Hêche (SP/JU) gehören ebenfalls nicht dazu.

Als ob sie arbeitslos wären haben sie nämlich alle gar keine berufliche Aktivität angegeben, womit sie zwar gegen die Offenlegungspflicht nach Art. 11 des Parlamentsgesetzes verstossen. Doch Letzteres sieht keine Sanktionen vor, ergo braucht man sich als Gesetzgeber auch nicht an die Gesetze zu halten. Die jeweils vorhandene Angabe des militärischen Grades bei den Männern mag das auch nicht kompensieren…

Am Prominentesten ist wohl die Bezeichnung «Unternehmer/-in» sowie «Geschäftsführer/-in» oder «Geschäftsleiter/-in». Davon gibt es so viele, dass an dieser Stelle auf eine Auflistung verzichtet wird. Was die Betroffenen genau «unternehmen», «führen» oder «leiten», bleibt unbekannt.

Ähnlich ist es mit den «Berater/-innen», welche sowohl mit wie auch ohne Zusätze wie beispielsweise «Unternehmens…» bestehen. Auch davon gibt es einige und auch hier bleibt in den meisten Fällen unbekannt, was und wen sie beraten. Aber es klingt gut.

Ebenfalls sehr häufig anzutreffen ist die Berufsbezeichnung «Politiker/-in», in zwei Fällen sogar die Präzisierung «Nationalrätin» und in einem Fall «Ständerat». Dabei ist zwar klar, was gemeint ist. Nur: Warum haben alle anderen nicht auch «Politiker/-in» angegeben, schliesslich verlangt der fragliche Gesetzesartikel die Offenlegung aller «beruflichen Tätigkeiten» (Plural)?

Marlis Bänziger (Grüne/ZH) gibt an, «Bezirksrätin» zu sein, womit sie sich vordergründig äusserst bescheiden gibt, schliesslich könnte sie dem genauso gut noch «Nationalrätin» hinzufügen oder sich ebenfalls als «Politikerin» bezeichnen.

Sie war allerdings nur bis 2009 Bezirksrätin. Man darf sich also auch mit einer Bezeichnung schmücken, die schon lange nicht mehr gilt. Das hat nichts mehr mit Bescheidenheit zu tun…

Alles- und nichtssagendes Allerlei

Andere machen es Bänziger gleich, nur legen sie das offen. So gibt Verena Diener (glp/ZH) als «aktueller Beruf» die Bezeichnung «ehemalige Regierungsrätin» an. Eric Voruz (SP/VD) wiederum ist «ancien syndic» (ehemaliger Gemeindepräsident). Es bleibt damit auch hier unklar, welcher Tätigkeit die ehemaligen «Irgendwas» nachgehen. Aber es klingt gut.

So ist es auch mit Kathy Riklin (CVP/ZH). Sie ist unter anderem «Bildungsexpertin». Da das Bildungswesen hierzulande äusserst umfangreich ist, bleibt auch hier alles im Unklaren.

Ins gleiche Horn blasen Christoph Mörgeli (SVP/ZH) mit dem «Dozent», Thomas Weibel (CVP/ZH) mit dem «Professor» oder Tiana Angelina Moser (glp/ZH) mit der «Wissenschaftlerin». Das klingt wiederum alles schaurig gut, aber Genaueres über diese Berufsbezeichnungen bleibt Aussenstehenden vorenthalten – oder Google muss helfen.

Den Link zu den unzähligen englischen Bezeichnung in der Wirtschaft macht Nathalie Rickli (SVP/ZH). Sie bezeichnet sich als «Partner Relation Manager», was man früher wohl einfach als «Kundenberaterin» bezeichnet hätte. Das klingt allerdings nicht so sexy.

Natürlich tragen nicht nur Gewählte oftmals allerlei Berufsbezeichnungen. Matthias Aebischer, SP-Nationalratskandidat, gibt beispielsweise als Beruf «TV-Journalist, Hausmann, Lehrbeauftragter Universität Freiburg» an.

Mit dem «Hausmann» öffnet sich ein neues Spektrum, denn: Hausmänner wie auch Hausfrauen leisten durchaus einen wichtigen Beitrag für eine Sache oder eine Organisation, in diesem Fall für die Familie. Doch damit ist heute kein Einkommen verbunden.

Das heisst, man kann auch eine Berufsbezeichnung angeben, die nicht zwingend mit einem Einkommen verbunden ist. Wer also beispielsweise Präsident der lokalen Harmoniemusik ist, kann auch das angeben.

Oder Politiker, welche unzählige Verwaltungsratsmandate innehaben, könnten sich auch als «Multi-Board-Member» bezeichnen. Trotz englischer Bezeichnung tut das aber keiner, wahrscheinlich weil diese verwässernde Betitelung doch zu schnell durchschaut würde.

Das bedeutet wiederum, dass man sich nicht mit allem schmücken muss, das man ist, sondern nur mit dem, das keinen schalen Nachgeschmack hinterlässt und einem selber in einem guten Licht erscheinen lässt. Aebischers «Hausmann» gehört auch zu diesem «guten Licht», zeugt es doch von einer fortschrittlichen Einstellung.

Immerhin kann man den meisten Personen aus dem politischen Umfeld anrechnen, dass ihre Berufsbezeichnungen mehrheitlich in deutsch gehalten werden, womit auch etwas Bodenständigkeit ausgedrückt wird. In der Wirtschaft sind ansonsten bekanntlich schon längst englische Bezeichnungen üblich, welche kaum mehr jemand versteht und weitaus weniger aufregend sind, wie sie klingen…

Nachahmung erlaubt

Nun gehen dem Autor langsam die privaten Visitenkarten langsam aus. Und obwohl er äusserst aufgeschlossen ist in Sachen Online-Medien, geht es manchmal eben doch nicht ganz ohne etwas Gedrucktes, das man jemandem im «realen» Leben in die Hand drücken kann.

Aufgrund der Erkenntnisse oben stellt sich darum die Frage: Was soll für eine Bezeichnung darauf stehen?

Wobei: Das Problem ist weniger, was darauf stehen soll, sondern wo man all die möglichen Bezeichnungen auf einem so kleinen Format unterbringen kann. In alphabetischer Reihenfolge könnten das unter anderem sein:

Berater in Lebensfragen, Beschwerde-Führer, Blogger, Blutspender, Bürger, CEO einer Non-Profit-Organisation (augenreiberei.ch), ehemaliger Mieter, ehemaliger Musikmacher, Energiesparer, Experte für augenreibende Angelegenheiten, Freizeit-Aktivist, Geldspender, Gelegenheitstwitterer, Hausmann, Herausgeber, Kaufmann, Kommentator, Kulturkonsument, Mac-Begeisterter, Medienkonsument, Mitglied verschiedener Organisationen, Mitinhaber einer Immobilie, Nahrungsmittelkonsument, Ökostromkonsument, Process Manager, Product Manager, Project Manager, Publizist, Querdenker und Querkopf, Revisor, Steuererklärer, Steuerzahler, Trottoir-Verbraucher, Umweltschützer, Unternehmer, Velofahrer, Webmaster, Zugfahrer.

Sollte die Rückseite der zukünftigen Visitenkarte als mögliche Lösung genug Platz bieten, geht‘s dann noch ans Aufpeppen des Lebenslaufs. Schliesslich gehört da ebenfalls alles drauf, das gut klingt…

😉

10 Antworten auf „Visitenkarten-Revision“

  1. Vom Recht, sich selber so eine ungeschützte Bezeichnung anzuhängen, machen auch Politiker häufig Gebrauch. «Jurist», «Ärztin», «Landwirt», «Kauffrau» oder beispielsweise «Linienpilot» gehören da nicht dazu. Im Gegenteil: Da weiss man noch, woran man ist.

    «Jurist» ist IMHO eine Ausbildung und keine Tätigkeit. Genauso eine Unsitte sind jene Politiker, die sich als Anwalt oder Rechtsanwalt bezeichnen, obwohl sie gar nicht (mehr) in dieser Funktion tätig sind.

  2. @ Martin Steiger
    Du hast natürlich Recht mit dem Juristen, da habe ich mir selber Honig um den Mund schmieren lassen. Und was die Anwälte anbelangt, brauche ich wohl nicht zu erwähnen, dass die von der Anzahl her mit den „Beratern“ konkurrieren könnten…

  3. Aufräumer, Bereiniger, Saubermacher oder eben schlicht Cleaner…. Auch schön oder? *lol*

  4. „Nachdem ich dreissig Jahre lang in Politik und Privatwirtschaft Geld gescheffelt habe, schlafe ich jetzt jeden Morgen aus, versaufe mein Erspartes – pardon! – geniesse das Leben und halte ab und zu für ein überhöhtes Honorar einen Vortrag.“
    Willst du das wirklich in einem Lebenslauf lesen? Da tönt doch „Berater“ viel besser. 😉

  5. @ Ugugu/Chris
    Eigentlich suchte ich noch nach etwas kreativeren Begriffen auch für die anderen „normalen“ Bezeichnungen, aber es wollte mir partout nichts Gescheiteres in den Sinn kommen. Darf aber an dieser Stelle hier beliebig erweitert werden.

    @ Tinu
    Yep, „Berater“ ist politisch korrekter. Bei Volksvertreter, die ich wählen soll, hätte ich allerdings lieber die ungeschminkt-ungeschmückte Variante…

  6. Tja, unser Hausabwart war bis vor kurzem noch ein Hausabwart, nun ist er aber neuerdings ein Facility-Manager.

  7. spielts eine Rolle? Wenn es gut tut, dann lassen wir es so.

    Auch die meisten Banker sind irgendwelche Manager, und die kommen ja auch nicht über das Niveau eines Facility-Managers hinaus.
    Lohnmmässsig natürlich schon.

  8. Ich hab doch tatsächlich „Östrogenproduzent“ gelesen, was mich dann doch ein wenig verwirrte.
    Product Manager geht immer – zum ersten Mal kam mir der Begriff bei einem Fleischverkäufer an der Migros-Theke unter.
    Ich sollte mich mal dem „key accont management“ zuordnen. Mich Ach und ein wenig Krach konnte ich aus dem „Management“ wenigstens „support“ machen. Ein Getröte bleibt es trotzdem.

    Zu den öffentlichen Deklarationen auf Seiten des Bundes bitte bedenken, dass der Amtsschimmel der Bürokratie bei scheinbar so nevensächlichen Updates u.U. besonders langsam dackelt.

    Gruss: Thinkabout. key brain logger

  9. @ Thinkabout
    Die fragliche Liste ist von Gesetzes wegen jährlich (Januar) zu aktualisieren. In der Praxis findet das aber schon fast monatlich statt. Insofern kann’s nicht am Amtsschimmel der Parlamentsdienste liegen.

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