Abzockende Hausärzte?

Es war ein souveräner, besonnener und überzeugender Auftritt, welcher der designierte Bundesrat Didier Burkhalter in der «Arena» von gestern hinlegte. Alles andere seitens mitdiskutierender Politiker war wie gehabt…

Die gestrigen «Arena» warf schon ihre Schatten voraus: Rogel Köppel, Chefredaktor und Herausgeber der «Weltwoche» wurde nach einer provisorischen Einladung auf Wunsch (oder auf Druck, je nach Standpunkt) seitens FDP.Die Liberalen von der Arena-Redaktion wieder ausgeladen. Das liefert natürlich wieder Zündstoff fürs Betreiben eines Nebenschauplatz…

Souveräner Auftritt Didier Burkhalters

Ungeachtet der Querelen über die Frage, wer an einer Arena teilnehmen darf oder nicht, zeigte sich doch, dass Didier Burkhalter auch kritischen Stimmen nicht auswich, auf diplomatische Plattitüden verzichtete und dabei manchen emotional argumentierenden Gegner doch etwas blass aussehen liess.

Sendung «Arena» des Schweizer Fernsehens vom 18. September 2009:

Didier Burkhalters Sachlichkeit und Ehrlichkeit wirkten überzeugend und – in einer Zeit gegenseitiger Vorwürfe – irgendwie erfrischend. Ob seinen Aussagen um mehr Zusammenhalt und mehr Willen zur Lösungsfindung ist man schon fast versucht zu sagen, er wäre der Obama der Schweiz – einfach nur mit weitaus weniger schrillen Tönen als in den USA und ohne «Oui, nous pouvons!»

Die anderen Diskussionsteilnehmer hingegen – allen voran natürlich die Politiker – bewegten sich in den bisherigen Fahrwassern mit gegenseitigen Anfeindungen und Schuldzuweisungen. Es zeigte sich einmal mehr, dass nicht die politische Zusammensetzung unseres Parlaments das Problem unserer blockierten Politik ist, sondern wohl eher die charakterlichen Eigenschaften gewisser wortführender Parlamentarier…

«Möglichst lange krank»

In diesem Zusammenhang stachelte nach 53 Minuten Hans-Jürg Fehr, ehemaliger Parteipräsident der SP, die Diskussion an, indem er den bürgerlichen Parteien ihre «Verfilzung» innerhalb des Gesundheitswesens vorwarf, insbesondere was die Krankenkassen betrifft. Er doppelte wenig später nochmals mit dem Vorwurf nach, dass die Bürgerlichen sich partout gegen Parallelimporte von Medikamenten aus dem Ausland stemmten.

Gabi Huber, Fraktionspräsidentin der FDP.Die Liberalen verstrickte sich zu diesen Vorwürfen daraufhin in etwas flapsig wirkende Aussagen. Irgendwie noch immer nach Worten ringend liess auch verlauten:

«Wir müssen den Ansatz auf Qualität leisten und ich wünsche mir von Bundesrat Burkhalter – weil ich weiss, dass er immer gute Wege findet zu Lösungen – dass man vielleicht den Anreiz darauf legen könnte, dass die Ärzte die Leute eben heilen und nicht dass es sich lohnt, dass jemand möglichst lange krank bleibt.

Ich habe immer etwas den Eindruck, je länger die Leute krank sind, je länger verdienen alle miteinander. Es wäre ja eigentlich besser, den Ansatz zu kehren, damit die Heilung der Menschen den Anreiz bilden kann.»

Diese Aussage ist in der Augenreiberei ziemlich in den falschen Hals gelangt, sodass man sich beinahe ob dem nächtlichen Schlummertrunk verschluckt hätte.

Denn erstens ist es eine Binsenwahrheit, dass im Gesundheitswesen an Kranken mehr verdient wird, je länger sie krank sind. Wir leben ja bekanntlich nicht  in einem kommunistisch-sozialistischen Staat mit kostenlosen Gesundheitsleistungen.

Zweitens ist die Aussage «dass man vielleicht den Anreiz darauf legen könnte» so unsicher geäussert, dass man nun nicht weiss, ob das ein ernsthafter Vorschlag oder ein ernsthafter Positionsbezug war.

Und drittens ist es ein ungeheuerlicher und pauschaler Vorwurf seitens einer Wirtschaftsvertreterin, dass ausgerechnet die Ärzte, welche sich mehr als jede andere Berufsgruppe mit Ethik und Moral auseinandersetzen, gar nicht an der Heilung ihrer Patienten interessiert seien. Missbrauch wird es bestimmt auch unter den Ärzten geben. Doch muss man deswegen gleich das Kinde mit dem Bade ausschütten?

Systemwechsel – aber wohin?

Insbesondere in den Agglomerationen reiht sich häufig eine Arztpraxis an die andere. Jeder Patient, der mit seinem Arzt und dem Heilungserfolg nicht zufrieden ist oder den Eindruck hat, er werde nur lange hingehalten, kann jederzeit den Arzt wechseln.

In den ländlichen Regionen sieht es da zum Teil anders aus. Der verhängte Ärztestopp ist auf jeden Fall für ein Konkurrenzdenken unter den Ärzten im Sinne von «Komm zu mir, ich heile Dich schneller und nachhaltiger» gewiss nicht förderlich…

War Gabi Hubers Aussage nur ein mehr oder weniger gelungener Ablenkungsversuch vom Filz-Vorwurf seitens Hans-Jürg Fehr oder hat sie etwa doch recht?

Sind insbesondere die Hausärzte als Kleinstunternehmer tatsächlich «Abzocker», die gar nicht daran interessiert sind, sich durch Heilung ihrer Patienten ihr Einkommen zu schmälern?

Und: Führt ein Anreiz zu möglichst schneller Heilung nicht dazu, dass einerseits vieles beim Arztbesuch nicht an- oder ausgesprochen wird und dass zwar mit irgendwelchen «Aufputschmethoden» schnell eine medizinische Heilung erreicht wird, diese jedoch nicht nachhaltig ist und schon bald zu einem weiteren Arztbesuch führt? Sind Anreizsysteme auf finanzieller Basis überhaupt zielführend und ethisch vertretbar?

Als Denkanstoss empfiehlt sich auch der folgende «Eco»-Beitrag vom 15. Juni 2009:

Was ist Ihre Erfahrung mit Hausärzten, was wären die richtigen Anreize oder was wäre Ihrer Meinung nach der richtige Ansatz für eine zukünftige Lösung im Hausarztbereich?

2 Antworten auf „Abzockende Hausärzte?“

  1. Meiner Mutter wollte man letzte Woche Brustkrebs einreden, nach einer genauen Untersuchung in der Röhre wurde aber nur ein angeschwollener Lymph festgestellt, der durch Stress dick wurde. Aber die insgesamt drei Ärzte haben ordentlich einkassiert… anscheinend geht es nicht mehr jedem Arzt so gut.

  2. Ich sehe es eher so, dass die Schulmedizin noch ein ziemlicher Laie ist, was die Auswirkungen der Psyche auf die Gesundheit betrifft. Und je nach Charakter eines Arztes gesteht er sich die Unsicherheit ein und schickt jemanden noch zu einem Spezialisten zur weiteren Abklärung – oder er überschätzt sich und wählt gleich die «radikale Methode». Was nicht mehr ist, kann schliesslich keine Probleme mehr verursachen…

    Die zweite Variante würde ich jedoch eher als Ausnahme bezeichnen. Und die ersten Variante hat eben ihren Preis…

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