Auf dem rechten Fuss erwischt

Früher war alles besser, lamentieren die einen. Nein, heute ist alles besser, entgegnen die anderen. Eine Erzählung zum Nachdenken, die Ersterem Recht gibt…

Freitagmorgen. Das Drehen der Lamellen des Rollladens lässt mich nach draussen blicken. Es hat geregnet. Oder es regnet noch immer. So genau mag ich noch nicht hinschauen. Nebel, für diese Jahreszeit typisch, hatte ich erwartet, Regen nicht. Wahrscheinlich habe ich mich schon zu sehr an die regenlose Tage der vergangenen Wochen gewöhnt, dass ich auch kaum mehr den Wetterprognosen Aufmerksamkeit schenkte.

Ich bin spät dran. Der innere Sauhund beim Aufstehen war heute besonders stark. Die Hälfte des morgendlichen Tees fliesst darum den Abguss runter. 8 Uhr 38 zeigt die Funkuhr an, als ich die Wohnungstüre hinter mir zuziehe. Um 8 Uhr 51 fährt mein Zug. Sieben Minuten brauche ich normalerweise zu Fuss bis zum Bahnhof.

Es wird reichen, ohne ungewolltes Jogging. Aber ein gemütlicher Spatziergang liegt nicht drin. Im Lift binde ich mir noch schnell die Schuhe zu. So nutzt man effizient die ansonsten nutzlos verstreichende Zeit, besonders wenn man nicht rennen will. Welch‘ Glück, dass mir ob dieser Szenerie niemand zuschaut…

Ich trete aus dem Haus und – es regnet tatsächlich. Es schüttet zwar nicht wie aus den sprichwörtlichen Kübeln, aber es reicht für einen trüben Blick – als Brillenträger. Also öffne ich den Regenschirm, welchen ich mir noch schnell vor dem Verlassen meiner Wohnung geschnappt hatte, für den Fall, dass…

Mit grossen Schritten hechte ich dem Bahnhof entgegen. Halb legal überquere ich Strassen. Warum müssen Fussgängerstreifen auch immer so angelegt sein, dass man eine zusätzliche Schlaufe einlegen muss, um sie benutzen zu können?

Wie auch immer, die morgendliche «Rushhour» ist vorbei und die Znüni-Zeit noch nicht da. Es ist jeweils kein Auto in Sicht und auch keine Kinder, denen man ein schlechtes Vorbild abgeben könnte. Also kürze ich ab, ein, zwei Meter neben dem Fussgängerstreifen. Hauptsache ich spare drei Schritte – oder zwei Sekunden…

Und dann spüre ich es, hundertfünfzig Meter vor der schützenden Bahnhofsüberdachung. Es ist der rechte Fuss. Irgendetwas stimmt da nicht. Bin ich zu schnell gelaufen? Habe ich den rechten Schuh zu eng zugeschnürt, sodass der Fuss nicht mehr ausreichend durchblutet wird? Oder ist es tatsächlich das, was ich sofort dachte, aber nicht wahrhaben will?

Ich werde es herausfinden, sobald ich im Zug sitze. Unangenehm sind die letzten Schritte schon, doch ich lasse mir nichts anmerken. Was sollte ich denn auch anderes tun?

Der Bahnwagen ist beinahe leer. Die Rushhour ist, wie bereits erwähnt, vorbei. Im Zug tue ich das, was ich meistens tue: Den Laptop öffnen und – die Schuhe, um die Füsse aus dem zivilgesellschaftlichen Korsett zu befreien. Der Blick nach unten lässt nichts Gutes erahnen. Und dann sehe ich, was ich gefühlt hatte: Die rechte Socke ist nass 🙁 . Die Woche geht ja gut zu Ende…

Sofort ziehe ich mir mental die Ohren lang. Warum pflegst Du die Schuhe auch nicht im gleichen Rhythmus wie zu Kinderzeiten? Damals war die Zeit nach dem samstäglichen Mittagessen dem Schuhe putzen gewidmet und zwar nicht nur der eigenen, sondern jenen der gesamten Familie.

Wie hasste ich das doch. Nicht etwa, weil die Schuhe besonders schmutzig waren oder es besonders viele Paare zu reinigen gab. Auch an der Schuhcreme lag es nicht, deren angenehmen Geruch ich heute noch in der Nase habe. Nein, es war vielmehr diese wöchentliche Pflichtübung, diese regelmässige haushälterische Pflicht, welcher ich als Kind nicht gerne nachgehen mochte. Eine von wenigen anderen Pflichten.

Und nun sitze ich also da mit einer rechten, nassen Socke und ärgere mich, das schützende Leder nicht mit der gleichen Rhythmik gepflegt zu haben wie früher. Einsicht nennt man das wohl…

Hätte ich doch nur die schwarzen Schuhe angezogen. Ach nein, die ziehe ich ja auch nicht mehr an. Das sind Socken-kaputt-mach-Schuhe.

Die sollen atmen, hatte mir die Verkäuferin damals gesagt. Dass deren atmende «Nasenlöcher» im Innenschuh auf Höhe der Fussballen die Socken aber ausserordentlich abriebschen, das hatte sie mir nicht gesagt. Es hat einige Sockenpaare gedauert, bis ich herausgefunden hatte, was die Ursache der immer dünner werdenden Socken auf Höhe der Fussballen war.

Aber was soll’s: Fünf Paar dieser Fussbekleidung kosten lumpige zwölf Fränkli. 75 Prozent ist aus nachwachsender Baumwolle und diese wurden «tested for harmful substances». Perverse Welt: Statt dass die mir sagen, wann sie mich mit nicht so harmlosen Substanzen vergiften, schreiben sie hin, wann sie mich nicht vergiften…

Wobei: Was bei diesen Tests überhaupt herausgekommen ist, schreiben die ebenso wenig hin wie bei der ganzen Serie an «dermatologisch gestesteten» Produkten. Nachfragen lohnt sich eh nicht; die wissen darüber ebenso wenig Bescheid wie über die schlechten sozialen Bedingungen, die vorherrschen müssen, um so ein «Best Price»-Angebot anbieten zu können.

Was bin ich froh, wieder jemanden zu kennen der bereit ist, mir Socken aus Schafswolle zu stricken. Damit habe ich dann auch wieder massgeschneiderte Socken und nicht mehr solche, die entweder zu gross oder zu klein sind. Und so übel sind die ja auch nicht, obschon ich sie als Jugendlicher – dass war damals, als weisse Socken «in» waren – dankend beiseite schob…

Inzwischen bin ich am Zielort angekommen und meine rechte Socke ist nicht minder nass. Da muss ich nun durch, den verbleibenden Tag lang. Bis Mittag sollte sich «die Situation» verbessern, so hoffe ich…

Die Konzentration auf die Arbeit sowie darauf, während der Sitzung wach zu bleiben – es steht ja zum Glück bald das Wochenende an – lässt mich dieses Malheur vergessen. Wahrscheinlich liegt es auch daran, dass die Schritte zwischen Zielbahnhof und Sitzungsort wortwörtlich still verlaufen sind: Da ist kein peinliches Quitschen von rechts unten… 🙂

Ein Kompromiss wurde im Ansatz gefunden, die Sitzung verläuft erfolgreich. Der «Trockenlegungsprozess» weniger. Denn es ist inzwischen Mittag und der Gang zur nächsten Verpflegungsstätte auf nassem Terrain ruft mir die eher unbequeme Situation wieder in Erinnerung.

Erste Zweifel kommen auf, dass es vielleicht doch nicht am fehlenden Pflege-Rhythmus liegt. Vielleicht wurde einfach nur eine Naht schlecht genäht? Auch das hatte ich schon einmal – oder waren es nicht mehrere Male? – erlebt. Schliesslich werden diese Dinger halb automatisch, halb manuell «Made in Asia» hergestellt – unter was für Bedingungen auch immer. Und der Preis ist erfahrungsgemäss vor allem eine Frage der Marke, nicht eine Frage der sauberen Verarbeitung oder der sozialen Herstellungsbedingungen…

Das Mittagessen, wir haben für einmal ein anderes Restaurant ausprobiert, lenkt meine Aufmerksamkeit eher darauf, was auf als was unter dem Tisch ist. Und auf dem Tisch ist es trocken, Trinkglas ausgenommen.

So ist es auch bei der nächsten Sitzung am Nachmittag: «PowerPoint» auf dem Sitzungstisch lenkt mich ab von «nasser Socke» unter dem Tisch. Ich werd’ mich bei Gelegenheit dann einmal bei Bill Gates bedanken…

Vorerst begebe ich mich wieder auf den Weg zum Bahnhof und zwar mit dem Gefühl, dass mir bald Kiemen zwischen den Zehen des rechten Fusses wachsen. Darum nehme ich mir vor, «die Sache» auf dem Rückweg im Zug etwas genauer anzuschauen.

Es sind wiederum nur wenige Leute im gleichen Wagen. Das Risiko, für geistig beschränkt taxiert zu werden, währenddem ich mir meinen rechten Schuh ausziehe und vor die Augen halte, ist somit beschränkt. Allerdings muss ich gar nicht erst lange und detailliert nach der Ursache forschen.

Der Anblick der unteren Schuhsohle reicht um zu sehen, dass da ein eineinhalb Zentimeter langer Riss drin ist. Es ist nicht der Einzige. Etwas entfernt von diesem ersten «bahnt» sich ein weiterer an.

Wir leben bekanntlich nicht in einem Land, in dem Nägel und Glasscherben en masse herumliegen und der Grund für diese Risse sein könnten. Das ist wohl vielmehr eine «Ermüdungserscheinung» bei einem Schuh, der ein halbes Jahr alt und kein Billigprodukt ist und den ich auch nicht andauernd trug.

Darum ärgere ich mich jetzt erstmals ernsthaft. Nicht über eine Bagatelle wie eine nasse Socke. Auch nicht über den in Mitleidenschaft gezogenen Schuh an sich.

Nein, es ist einmal mehr der Verdacht, dass dahinter Absicht steckt, dass dahinter versteckt Abzockerei betrieben wird, indem ursprüngliche Gebrauchsartikel zunehmend zu Verbrauchsartikeln, zu Wegwerfartikeln nach kurzer Verwendung verkommen.

Es beginnt bei den Schuhen, geht über die Socken und die inzwischen auch nicht mehr unverwüstlichen Jeans und zieht sich weiter über das gesamte Spektrum an Produkten an und um uns herum.

Und es ist der Ärger darüber, dass man dagegen schier machtlos ist.

4 Antworten auf „Auf dem rechten Fuss erwischt“

  1. Guten Morgen,Titus,
    deine heutige Geschichte gefällt mir sehr gut! Fünf Paar Socken für Fr.12.–, da muss etwas faul sein. Denn gut und sorgfältig produzierte Wolle/Baumwolle hat ihren Preis. Und den bezahle ich gerne. Wenn auch mit meiner Superpunktekarte im hiesigen
    Warenhaus;-)
    Beeindruckt davon, dass du als Kind deine Schuhe selbst geputzt hast (bei uns war das Vaters häusliche Pflicht), offeriere ich dir ein Paar selbstgestrickte Socken aus einem Baumwolle/Wollegemisch ‚Made in Italy for Lang&Co.Switzerland‘.

    Beste Grüsse
    Hausfrau Hanna

    PS. Damit die Socken auch perfekt passen, müsste ich noch die Schuhgrösse wissen und eventuelle farbliche Präferenzen.

  2. Vielen Dank, Hausfrau Hanna.

    Das Socken-Angebot nehme ich sehr gerne an! Ich schick‘ dann ein paar Pfannen-Märkli zurück… 🙂

    Grösse und Farbe maile ich noch durch.

  3. Genau das selbe Problem hatte ich in den letzten Tagen auch, waren auch keine Billigschuhe, allerdings sehe ich bei meinen nicht mal einen Riss und kann daher nicht mal genau nachvollziehen wo jetzt eigentlich das Wasser rein gedrückt hat… Naja, andererseits hab eich momentan grad keine Kohle um mir neue Schuhe zu kaufen (die Behörden mahlen so langsam, das da langsam einiges flöten geht) also habe ich halt bis ich mir neue Schuhe besorgen kann nasse Füsse wenn ich raus gehe, was solls, es soll ja auch solche geben die laufen grad ganz Barfuss rum, soll ja gesund sein…. 😉

  4. Da kann ich Hausfrau Hanna nur zustimmen, was wie ein nettes Alltagsgeschichtchen daherkommt entpuppt sich als subtile Konsumenten Kritik über Ge- und Verbrauchsgegenstände im Alltag.

    Irgendwann in der Vergangenheit las ich mal die Story über den, der auszog einen preiswerten, nicht rostenden Auspuff patentieren zu lassen und zu vermarkten. Doch die Auspuffhersteller dieser Erde hatten wenig Freude daran, hängen doch ziemlich viele Geschäfts- und Arbeitsplätze davon ab, dass ein Auspuff ein Auto nicht überlebt.
    Wie fragil die Abhängigkeit der gesamten Zubehörindustrie von der Anfälligkeit von Gebrauchsgegenständen und dadurch deren Nachfrage für Ersatzteile ist, erleben wir ja gerade deutlich mit den zunehmenden Firmenpleiten dieser Tage. Tatsächlich ein Teufelskreis!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.