Christen und die anderen Christen

Wir handeln danach, woran wir glauben. Darum steckt hinter jedem Glauben viel Macht und darum verdient jeder Glaube auch unsere volle Aufmerksamkeit.

Heute findet in Bern der so genannte «Christustag» statt. Am letzten Christustag in Basel im 2004 nahmen 40’000 Besucher teil, im Stade de Suisse werden heute «nur» 30’000 Besucher erwartet. Für diese stehen trotzdem nicht weniger als 45 Sonderzüge bereit.

Organisiert wird dieser Anlass vom Verband evangelischer Freikirchen und Gemeinden (VFG), der Schweizerischen Evangelischen Allianz (SEA), dessen Westschweizer Pendant Réseau évangélique Suisse (RES) sowie vom Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund (SEK). Letzterer besteht praktisch ausschliesslich aus den kantonalen evangelisch-reformierten Landeskirchen.

Vorwiegend Freikirchler

Das klingt nach einer breiten Abstützung. Doch der Schein trügt. Im Christustag-Komitee sind nämlich alle vier Vereinigungen mit je zwei Personen vertreten, was den kleineren Vereinigungen gegenüber dem «grossen» SEK relativ viel Gewicht verleiht. Zudem wird das Komitee von René Winkler präsidiert, selber Leiter der Chrischona-Gemeinden der Schweiz und damit ein Vertreter der VFG.

Martin Lehmann, Redaktor der evangelisch-reformierten Monatszeitschrift «reformiert», meinte kürzlich, dass der SEK nicht etwa mitmache, um sich anzubiedern, sondern um «eine Szene ernst zu nehmen».

Wie ernst es dem SEK tatsächlich ist, zeigt sich daran, dass just ab heute in Herisau die Abgeordnetenversammlung tagt, also das höchste Gremium des SEK. Damit dürfte wohl kein höherer SEK-Vertreter in Bern dabei sein…

An einen Terminkonflikt mag man auch nicht so recht glauben, steht doch das Datum des heutigen Christustages schon seit mindestens Mitte November 2008 fest – lange bevor der SEK das Datum der heutigen Versammlung festlegte…

Wie es an so einem Christustag zu und her geht, vermittelt das nachfolgende Video (leider nur in Englisch):

Ob so viel Frömmigkeit beschleicht einem das Gefühl, dass etwas nicht stimmen kann: Entweder liegt es an den Teilnehmern oder an uns Zuschauern, die offensichtlich noch nicht verstanden haben, wie glücklich einem das Loben des Herrn machen kann…

Unklare Abgrenzung

Eine Grenze zwischen intensiv gelebtem Glaube und religiösem Fanatismus kann auf jeden Fall nicht eindeutig gezogen werden. Dies zeigt auch der nachfolgende «Rundschau»-Beitrag von letzter Woche:

Besondere Beachtung verdienen dabei die so genannten evangelikalen Strömungen. Das nachfolgende Video zeigt grob, wo und wie der evangelikane Flügel einzuordnen ist:

Wie bereits schon erwähnt, ist es nicht einfach eine Grenze zu ziehen zwischen intensiv gelebtem Glaube und religiösem Fanatismus. Dies zeigt sich auch beim SEA sowie beim Westschweizer RES, welche beide zu den Mitorganisatoren des heutigen Christustages gehören. Den beiden Vereinigungen gehören sowohl Landes- als auch Freikirchen an.

SEA und RES gehören wiederum der European Evangelical Alliance (EEA) an, womit nicht mehr bloss von evangelisch, sondern von evangelikanisch die Rede ist. Zum EEA gehört natürlich auch die deutsche evangelische Allianz. Dazu das folgende Video eines «ZAPP»-Beitrags des NDR, bei welchem das deutsche Pendant zum SEA eine wichtige Rolle spielt:

Die vier oben genannten Vereinigungen christlich-evangelischer Kirchen sind selber Sammelsurien verschiedenster religiöser Strömungen und verschiedenster Kirchgemeinden. Die jeweilige Vereinigung mag zwar diesen «Splittergruppen» ein gemeinsames Dach geben.

Trotzdem sind diese Strömungen und Gemeinden frei in ihren Aktivitäten. Je tiefer man insbesondere in den Bereich der Freikirchen eintaucht, desto stärker erhält man den Eindruck, den Überblick über die unzähligen Strömungen zu verlieren. Dazu gehört auch das immense schulische Angebot über Studien- und andere Ausbildungslehrgänge an eigenen und/oder gemeinsam betriebenen und finanzierten Ausbildungsinstituten.

Was dort wie geschult wird, kann im Detail wohl kein Aussenstehender sagen, womit auch niemand einen Gesamt-Ein- und Überblicke dieser evangelikalen Schulungen hat. Und dabei ist hier erst die Rede von einem evangelischen Flügel. Dem wäre noch der katholische Flügel mit seinen wohl ebenso unzähligen «Splittergruppen» hinzuzufügen…

Religiöse Gehirnwäsche

Einen beängstigenden Einblick liefert hingegen die nachfolgende WDR-Dokumentation. Von Ausbildung kann eigentlich nicht mehr gesprochen werden, hier geht es um Gehirnwäsche von Kindern in einem Alter, in dem sie noch gar nicht in der Lage sind, sich eine freie Meinung zu bilden:

Teil 1:

Teil 2:

Teil3:

Teil 4:

Teil 5:

Sie werden die Steigerung vom heutigen JeKaMi-Christustag bis zur Gehirnwäsche in den USA sicher bemerkt haben. Die Grenzen zwischen intensiv gelebten Glauben und religiösem Fanatismus sind – um es nochmals zu erwähnen – nicht eindeutig klar.

Unauffällige, religiöse Bedrohung

Darum ist auch nicht jede Freikirche automatisch «böse». Aber es ist Vorsicht geboten. Der wahre Glaube äussert sich im Umgang mit sich und seiner Umwelt und nicht durch wiederholtes Ausrufen von Gottes Namen. Das sind nämlich nur Worte, welche keine Bedeutung haben, wenn ihnen nicht Taten folgen – und zwar im Alltag.

Spannen wir abschliessend noch einen Bogen zu anderen Religionen mit dem folgenden ZAPP-Beitrag des NDR:

Viel, sogar sehr viel wurde in den vergangenen Monaten über den Islam, die angebliche «Islamisierung der Schweiz» und über Islamisten geschrieben, debattiert und (vor-)verurteilt.

Doch fanatische, fundamentale, evangelikale Christen wie oben gezeigt, sollten uns mehr Sorgen bereiten, insbesondere weil sie rein äusserlich gar nicht erst auffallen (sie tragen halt eben kein Kopftuch…) und somit leichtes Spiel haben, unsere säkulare, demokratische  Gesellschaft zu unterwandern.

Oder ist diese Unterwanderung schon soweit vorangeschritten, dass deshalb niemand über radikale Christen zu berichten wagt?

Na dann: Halleluja!

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7 Antworten auf „Christen und die anderen Christen“

  1. Hin und wieder find‘ ich es kommisch, mit welcher Selbstverständlichkeit unsere Landeskirchen – insbesondere die reformierte – andere Weltanschauungen/Ideologien/Religionen ausgrenzen. Dazu dient m.E. auch http://www.relinfo.ch.

    Ein bisschen in ihrer Vergangenheit (Protestantismus) gegraben und es enthüllt sich uns so einiges an sektiererischen Auswüchsen. Noch heute lassen beispielsweise die meisten Eltern ihre Säuglinge taufen. Der Mensch kann nämlich ohne kirchliche Taufe (wie auch ohne Predigt des Pfarrers und ohne kirchliches Abendmahl) den „heiligen Geist“ nicht vermittelt bekommen. Diesen braucht er aber, damit dieser in ihm wiederum den Glauben bewirke, der nötig sei, um gerettet und nicht ewig verdammt zu werden. So die nette Überzeugung dieser Gross-Sekte, welche jedoch diese unchristliche Verdammnis-Lehre heute nicht mehr offen deklariert.

    Nebenbei bemerkt: Damit möchte ich die vielen Gehirnwäsche-Fabriken, die Du in Deinem Artikel ansprichst, nie und nimmer reinwaschen. Ich möchte nur hinter die praktisch selten hinterfragte Gleichung Sekte = bös / Landeskirche = gut ein ganz grosses Fragezeichen setzen!

  2. Das mit der Ausgrenzung kann ich nicht bestätigen. So ist unter relinfo.ch u. a. wie folgt von Sekten die Rede:

    Theologen reden immer seltener und immer vorsichtiger von „Sekten“, Laien immer häufiger und immer ungenierter. Sekten sind ein theologisches Unding und eine offenkundige gesellschaftliche Realität.

    Den ganze Text gibt es hier.

    Auch die heutigen Weltreligionen wurden in der damaligen Zeit als «böse Sekte» angeschaut. So geht es wohl vielen neuen Glaubensbekenntnissen, egal ob religiös oder nicht.

    Indirekt habe ich oben ja die Frage gestellt, wo denn die Grenze zwischen «geistiger Vernebelung» oder religiösem Wahnsinn und intensiv gelebtem Glaube liegt. Insbesondere Letzteres sind wir uns kaum (mehr) gewohnt und betrachten wir mit Befremden.

    Bei jeder Religion ist für mich persönlich relevant, in welchem Verhältnis der «Andersgläubige» zu den anderen steht. Da spielt beispielsweise Barmherzigkeit eine Rolle, welche ja immer auch mit «den Anderen» zu tun hat (ohne die Anderen kann man nicht barmherzig sein).

    Ich habe diese in allen Weltreligionen wichtige (oder gar wichtigste) Tugend in keinem der oben gezeigten Videos gehört – und das finde ich erschreckend.

    Ich halte alle geistlichen «Personen» nur als Mittel zum Zweck, also um eben beispielsweise aufzuzeigen, was Barmherzigkeit ist. Darum habe ich immer Mühe, wenn die Personen und nicht die Tugenden verherrlicht werden. Deshalb sollte der heutige Tag nach meiner Auffassung beispielsweise eben nicht «Christustag» sondern «Barmherzigkeitstag» heissen – womit er plötzlich auch anderen Religionen offen stünde…

    Barmherzigkeit ist nur ein Beispiel zum Verhältnis gegenüber anderen. Toleranz, Integration, Anerkennung, Nächstenliebe usw. wären weitere. Innerhalb dieser (mehr oder weniger gelebten) Tugenden unterscheiden sich wohl die jeweiligen Glaubenbekenntnisse.

    Last but not least: Glaube ist zuerst immer bloss ein Lippenbekenntnis. Den «Tatbeweis» gilt es vorerst noch (und dann immer wieder) zu erbringen. Doch niemand ist vollkommen. Darum ist es auch schwer zu erkennen, ob jemand nur so tut, als ob er zu einem bestimmten Glaube gehört, aber nichts dafür tut oder ob sich jemand wirklich darum bemüht, nach einem bestimmten Glauben (und dessen Tugenden) zu leben.

  3. Wir müssen uns Fragen stellen:
    Warum sind die Botschaften und die angebotenen „Gemeinschaften“ offenbar für immer mehr Menschen auch bei uns attraktiv?
    Was macht sie zur „Bedrohung“?
    Was sind unsere Antworten auf die Herausforderungen, die dieser Glaubens-Unternehmungen für unsere Gesellschaft darstellen?

  4. Auch wenn mir das etwas einfach klingt, scheint es vermutlich schon auch das angestaubte Image der Landeskirchen zu sein, welche gegenüber der «Pop-Art» neuer Gemeinschaften äusserst unattraktiv erscheint. In diesem Zusammenhang auch nicht zu vergessen ist der Zwang in den Jugendjahren, denn wer ging schon freiwillig zur Kirche oder in den Religionsunterricht (welcher damals je nach Ort/Kanton strikt nach Konfession getrennt war)? Das dabei vermittelte Bild war ein ehrfürchtige, ernstes Bild, jegliche Fröhlichkeit (auch die gehört zum Leben) war fehl am Platz…

    Die «Bedrohung» sehe ich wie bereits hier dargelegt wie folgt: Einerseits liefert der Glaube einen gemeinsamen Rahmen, setzt Grenzen und gibt eine gewisse Ordnung vor (welche Halt/Sicherheit/Orientierung/Identifikation mit sich bringen), andererseits führt er eben auch zu einer Art «Gleichgeschaltet-sein». Wo liegt die Grenze zwischen selbständigem Denken (welches auch Gottgegeben ist) und bedingungsloser Aufopferung? Die jüngere Geschichte Europas zeigt, dass das Einstellen des selbständigen Denkens auch zu sehr viel Leid führen kann (auch wenn es sich dabei nicht um eine Religion im engeren Sinne handelte)…

    Die Herausforderung sehe ich einerseits in der Aufklärung, denn diese neuen Strömungen wenden zum Teil PR-ähnliche Methoden. Diese Aufklärung durch eine Landeskirche durchzuführen wie im Falle von relinfo.ch halte ich jedoch für problematisch. Es bräuchte eine religionsneutrale Aufklärungsstelle, welche nach bestimmten Kriterien informiert (z. B. zum Aspekt der Vereinnahmung).

    Und andererseits liegt die Herausforderung sicher auch im Dialog. Nicht nur muslimische Verbände gehören an den berühmten «runden Tisch», sondern auch Vertreter jüngerer Strömungen. Sonst ist der Tisch nicht rund… 😉

  5. Es passt zwar nicht wirklich hier hin, aber für jene die es noch nicht kennen sollten, empfehle ich wärmstens folgendes kleines Buch:

    Hubertus Schleichert – Wie man mit Fundamentalisten diskutiert ohne den Verstand zu verlieren.

    Es geht in erster Linie um Argumentationslehre und die Rhetorik und Argumentationsformen von Fundamentalisten, meistens anhand von alten Beispielen, die man aber ohne weiteres auf moderne Problemem und Ideologien übertragen kann.
    Es werden aber auch äusserst interessante Fragen angesprochen, wie die Frage nach dem Umgang mit Andersgläubigen.
    Die Kirchen und Religionen haben sich im Laufe der Zeit ja immer mehr angepasst und geben sich tolerant. Diese Toleranz ist aber nur scheinbar, denn die fundamentalen Lehren sind und bleiben diesselben und werden nur zeitgemäss ausgelegt. Fundamentalismus heisst ja nichts anderes, als die Rückkehr zu den ursprünglichen Fundamenten einer Ideologie. Und bedent: Jede Religion im Jahre 2010 beansprucht nach wie vor für sich, der einzige seligmachende weg zu sein. Alle anderen sind demnach verdammt. Da bleibt kein Platz für echte Toleranz….die „anderen“ sind ja der Hölle versprochen……
    Wie schnell sind neue Scheiterhaufen errichtet? Von heute auf morgen. Darum muss man immer wachsam bleiben und aufklären, aufklären, aufklären.
    Organisierte Religion, organisierte Spiritualität ist mir ein Greuel. Dabei sehe ich mich durchaus als suchenden, spirituellen Menschen an. Aber eben, auf meinem eigenen Weg.

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