Mehr als ein Entscheid zum AKW-Ausstieg

Der Bundesrat hat sich heute für mehr als nur einen Ausstieg aus der Atomenergie entschieden – sofern er vom Parlament und allenfalls vom Stimmvolk gestützt wird.

Er hat und wird noch weitere Wellen werfen, der heutige Entscheid des Bundesrats zur neuen Energiestrategie, welche einen schrittweisen Ausstieg aus der Atomenergie vorsieht.

Zu erwartender Entscheid – früher oder später

Es ist – auch wenn einige das anders sehen – ein weiser Entscheid. Und nein, es ist kein übereilter Entscheid. Bereits im Jahr 2007 befasste sich der Bundesrat intensiv mit möglichen Ausstiegsszenarien.

Auch gab es in der Vergangenheit immer wieder Volksabstimmungen über die Zukunft der Atomenergie, womit sowohl Bundesrat wie auch Parlament und Stimmvolk sich wiederholt mit dem Thema auseinandersetzen mussten. Es war immer latent präsent.

Die Argumente der Befürworter und Gegner blieben dabei mehrheitlich die gleichen. Nur deren Bedeutung und Gewichtung hat weiter zu- oder abgenommen – zugunsten eines Ausstiegs. Wie könnte es anders sein. So führt beispielsweise jede Tonne Atommüll nur noch zu mehr Druck in Sachen Entsorgung, sicher nicht zu weniger.

Demgegenüber zieht das Argument Sicherheit immer weniger. Tsunamis gibt es auch in Deutschland nicht und trotzdem wurden nun einige AKWs wegen Sicherheitsmängel vom Netz genommen. Erstaunlich, wozu ein genaueres und strengeres Hingucken plötzlich führen kann…

Das nagt auch stark an der Glaubwürdigkeit der AKW-Befürworter. Wenn die Schweizerinnen und Schweizer AKWs weiterhin zustimmen würden, so die hier vertretene Hypothese, dann tun sie dies eher aus Bequemlichkeit und weniger weil sie dem glauben, was ihnen AKW-Befürworter versichern.

Doch inzwischen gibt es immer mehr Alternativen und immer effizientere Geräte. Auch sie tragen dazu bei, dass die Zahl der Befürworter abnimmt, erlauben sie doch, den eigenen Lebensstil nicht verändern zu müssen und gleichzeitig sein Gewissen beruhigen zu können.

Hausaufgaben werden angepackt

Der heutige Entscheid des Bundesrats ist aber mehr als nur ein Entscheid zum Ausstieg aus der Atomenergie. Es ist auch eine Vision, eine Vision für eine nachhaltigere Schweiz.

Die einzige Vision der Schweiz bestand bisher darin, den errungenen Wohlstand aufrecht zu erhalten oder gar noch zu erhöhen. Mit der Energiestrategie 2050 hat die Schweiz nun eine Vision, welche sie die nächsten 30 bis 40 Jahre (umwelt-)politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich und sozial beschäftigen wird.

Weil sie damit ihre Hausaufgaben in Sachen Energiepolitik macht und sich dabei entsprechende Kompetenzen aneignet, setzt sie damit einen wichtigen Grundstein für ein weiterhin gefragtes Land mit hohem Wohlstand.

Es ist endlich eine vorwärts- statt immer nur einer rückwärtsgewandte Entscheidung. Economiesuisse, welche sich vehement gegen diesen Entscheid wehrt, sollte eigentlich jubeln. Dieser Umbau des heutigen Energiesystems ist eine enorme Chance für die Schweizer Wirtschaft – ausser man verstehe darunter nur einige wenige Energiekonzerne, welche zugleich Mitglied bei Economiesuisse sind…

Bleibt nur zu hoffen, dass auch die Mehrheit im Parlament diesen Entscheid als langfristige Vision und Chance sieht, ebenso wie auch die Mehrheit der Bevölkerung im Falle einer Volksabstimmung.

Update (26.05.2011, 10.02 h):

Hier noch ein Interview mit Bundesrätin Leuthard, welche das ähnlich sieht:

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8 Antworten auf „Mehr als ein Entscheid zum AKW-Ausstieg“

  1. nur schon die jetzt bekannt gewordenen Mängel der AKW’s (fehlende Rückfallebene der Kühlung usw.) wirft ein schlechtes Licht auf die ENSI. Meiner Meinung nach sind da vermutlich Verbrecher am Werk, statt Experten!

    Ich bin eigentlich überzeugt, dass man AKW’s risikolos betreiben könnte, aber mit Menschen geht das nicht.
    Schon gar nicht mit dieser Art Mensch. Es sind die gleichen Typen wie bei den Banken, Swissair usw. Die zählen nur die eigene Kohle, den Schaden berappt der Staat und das Fussvolk.

  2. Eigentlich ist alles gesagt.
    Die AKW’s müssen verschwinden und zwar in allen Ländern. Alles andere ist kurzfristige Machtpolitik.

    Der heute schon produzierte Abfall wird noch tausende Jahre strahlen. Der Atomindustrie ist das schnurzegal, Hauptsache der Profit stimmt.

    AKW’s sind nicht sicher (s. hier).

    Dafür lohnt es sich zu engagieren. Unseren Kindern wegen.

  3. @ Raffnix
    Harte Worte, die Du da verwendest…

    Mir ist die Rolle bzw. mir sind die Kriterien des ENSI auch nicht ganz klar. Es scheint – und das macht der von Dan verlinkte Artikel einmal mehr deutlich – dass es viel Interpretationsspielraum gibt für eine Sache, von der man erwartet, dass es diesen Spielraum eigentlich nicht geben dürfte.

    Gestern war von SVP-Seite zu hören, mit dem Ausstieg setze die Schweiz aufs Prinzip Hoffnung. Genau das gleiche Prinzip gilt aber hier: Hoffen darauf, dass bloss nichts passiert…

    @ Dan
    Danke für den Link.

  4. Ich befürchte, dass durch diesen Entscheid die Schweiz hinsichtlich Energieversorgung noch abhängiger vom Ausland wird und dass die Strompreise weiter ansteigen werden.

  5. Ich habe im Beitrag noch ein Interview mit der Energieministerin hinzugefügt.

    @ Alexander Müller
    Erneuerbare Energien haben den Vorteil, dass sie vor Ort Strom produzieren und dass sie sich der natürlichen Energien (Sonnenlicht, Erdanziehung bei der Wasserkraft usw.) bedienen, die uns nichts kosten. Darum dürfte sich der Umstieg längerfristig sicher lohnen.

    AKWs müssten im Ausland eingekauft werden, genauso wie deren Betriebsstoff Uran. Nur die Entsorgung ist uns überlassen. Und am Bau wären wohl nur wenige Schweizer beteiligt… Bei den Erneuerbaren sieht die Bilanz zwar auch nicht „100 % Made in Switzerland“ aus, aber doch besser als bei AKWs.

  6. @Alexander Müller
    SO oder so steigen die Strompreise. Die Anstiege im letzten Jahr haben nichts mit AKW zu tun, sondern mit der hochgelobten Privatisierung. Der AKW-Ausstieg ist eine willkommene Begründung, dass nun wacker erhöht werden kann, weil angeblich das netz zu schwach ist. Ja, es wurde nun auch 30 Jahre vernachlässigt. Wie auch die Sicherheit von Mühleberg (fehlende Rückfallebene bei der Kühlung) vernachlässigt wurde.
    Auch wenn neue AKW’s gebaut würden, würde der Strom teurer.
    Wie auch die Oelpreise horrent gestiegen sind, obwohl keine knappheit da ist. Spekulanten sei dank.

    Langfristig ist die Alternativenergie billiger (sagen auch Experten), und intelligenter.

  7. Vieeleicht sollte man dann (BR Leuthard hat zu Recht darauf hingewiesen) nicht die Atomkraft verteufeln, sondern diese Art von Reaktor, wie sie heute gabaut sind. (Kernspaltung)

    Sollte mal ein anderes Prinzip zur Anwendung tauglich sein (z.B. Kernfusion), müsste man zu diesem Zeitpunkt wieder darüber reden.

    Rufen wir uns aber in Erinnerung, dass die AKW-Gaus wegen menschlichem Versagen „passiert“ sind …..

  8. Energie und Rohstoffe werden in den nächsten Jahren teurer. Egal ob die AKW stillgelegt werden oder nicht.
    Der wirtschaftliche Aufstieg von Indien, China und Brasilen wird zu einer erhöhten Nachfrage nach Lebensmittel, Energie und Rohstoffen führen.
    Langfristig gibt es bei steigenden Preisen und fallenden Löhnen eine mögliche Option: Sparen und nochmals Sparen.
    Sparen heisst nicht verzichten, sondern was vorhanden ist, besser und vorallem nachhaltiger zu nutzen.
    Meines Erachtens liegt die Lösung in der Schaffung von kleinen und überschaubaren Strukturen.
    Bevor Sparen weh tut, dauert es noch lange. Die Konsumenten werfen 40% der Lebensmittel weg. Ein Blick in den Abfall zeigt, es gibt erschreckend viele ungeöffnete Packungen (auch eine Form der Energieverschwendung).
    Sparen und Komforteinbussen ist nicht dass was die Leute hören wollen, aber auf die Sicht von 20 Jahren ist dies die Realität.
    Wenn wir heute mit dem Sparen beginnen wird es nicht weh machen und wir können damit Geld verdienen. Warten wir noch 10 Jahre wird es sehr weh tun.
    Wie sagt das Sprichwort: Der frühe Vogel fängt den Wurm!

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