Kunst darf alles – auch anderen schaden

Die Kunst sprengt bestehende Rahmen. Das klingt vordergründig gut. Aber nicht jeder gesprengte Rahmen ist sinnvoll. Manche richten auch Schaden an.

Freies Denken ist wohl eines der wichtigsten Güter einer freien Gesellschaft. Kultiviert wird dieses freie Denken beispielsweise in Form von Kunst. Da ist alles erlaubt. Das meint auch die schweizerische Bundesverfassung, welche besagt: «Die Freiheit der Kunst ist gewährleistet.»

Hauptsache Kunst

Diese Quasi-Narrenfreiheit, Dinge zu tun, die bisher noch niemand getan hat, ist wichtig, denn sie öffnet den eigenen Blick für Neues. Das ist aber auch schon der einzige Anspruch, den man an die Kunst ganz allgemein stellen kann: Mit einer neuen Form den eigenen Blick öffnen.

Andere Ansprüche darf man nicht stellen, da ansonsten die Kunstausübung nicht mehr frei wäre. Das führt dazu, dass Kunst auch schaden kann, wie dieser Beitrag hier zeigt:

Tagesschau vom 03.07.2011

Es geht dabei noch nicht einmal um die Musik an sich, welche an den Ohren des Einen oder Anderen Schaden anrichten könnte… 😉

Es geht um die Umwelt. In einer Epoche, in welcher wir alle aufgefordert sind, mehr Sorge zur Umwelt zu tragen, sind solche Aufführungen einfach nur stossend.

Weil diese Aufführung auch nicht wirklich den eigenen Blick für etwas Neues öffnet – ausser dass Kunst der Umwelt auch schaden kann, was bei dieser Aufführung jedoch nicht im Zentrum stand – ist sie auch nicht sinnvoll.

Unkritische Kritiker

Erschreckend dabei ist, wie unkritisch Menschen diesen – mit Verlaub – «Bullshit» noch begrüssen. Es sind nicht zuletzt Menschen, die bisher kritisch genug waren um der Mainstream-Kunst zu entsagen – oder um vielleicht ganz einfach nur nicht zum Mainstream gezählt zu werden…

Sie stossen sich auch nicht daran, dass «einer der bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts» (Zitat Wikipedia), Karl-Heinz Stockhausen, zu den Anschlägen vom 11. September 2011 unter anderem auch gesagt haben soll:

Also was da geschehen ist, ist natürlich – jetzt müssen Sie alle Ihr Gehirn umstellen – das größte Kunstwerk, was es je gegeben hat …

Nun denn, ertränken wir das am besten ziemlich unkritisch mit einem Ausschnitt aus einer früheren Aufführung des Helikopter-Streichquartetts:

17 Antworten auf „Kunst darf alles – auch anderen schaden“

  1. Genau diese Gedanken hatte ich auch,
    lieber Titus,
    als ich den Beitrag in der Tagesschau sah.
    Das Quietschen und Fiepen der Streicher ist Geschmacksache, das muss sich ja niemand anhören 😉
    Die Umweltbelästigung durch die Helikopter jedoch ist eine Zumutung. Auch wenn dies für sogenannt hochstehende Stockhausenkunst geschieht.

    Kopfschüttelnde Grüsse
    von Hausfrau Hanna

  2. PS. Ganz schnell noch dies:
    Wir könnten uns ja bei der etwas anderen Musikkultur treffen am 4.August spielt ‚Mungo Jerry‘ auf dem Kulturfluss am Rhein.
    Garantiert lärmfrei… 😉

    Hausfrau Hanna

  3. @ Hausfrau Hanna
    Vielen Dank für den Vorschlag. Zusagen kann ich im Moment noch nichts und – es hat auch an den anderen Tagen noch ganz interessante Bands bei Euch… 🙂

  4. Hmm ja, elitäre Kunst at its best! Dieser Kunstbetrieb hat eh irgendwie seine eigenen Regeln, die ich irgendwie nicht verstehe. Ähnlich frustrierend wie Gespräche mit Kunststudenten.

  5. @ Monsieur Croche
    🙂

    @ Menachem
    Ja, Kerkerlings „Huuurz“ hat etwas Legendäres. Mir scheint, dass da die Zuschauenden gesamthaft kritischer waren als beim Beitrag oben…

  6. @ Bobby
    Ich bin zu müde um bei Deinen Spielchen weiter mitzuspielen, die nicht viel bringen. Ich kürz‘ die Sache ab und lösche gleich mal die entsprechenden Kommentare (geht Dir ja ähnlich mit den Tweets). So hast Du einen Grund, wieder über etwas zu schreiben…

    Da Du – wie mir mein von Dir angedichtetes Kleinbürger-Hirn sagt – selber nur darauf aus bist, andere zu kritisieren, währenddem Du Dich selber hinter einem Pseudonym versteckst, wird hier von Dir auch kein weiterer Kommentar mehr veröffentlicht. Vielleicht verstehst Du irgendwann, dass an ein privat geführtes Blog keine journalistischen Ansprüche gestellt werden können. Kleinbürger haben damit allerdings besonders viel Mühe…

  7. Kunst muss nicht ’sinnvoll‘ sein. Zu Ende gedacht, würde das zu Staatskunst führen. Kunst im Dienste von irgendwas ist nie Kunst, sondern bestenfalls Kunsthandwerk. Wie Mungo Jerry. Diese gegen Stockhausen ins Feld zu führen hat mich doch sehr erheitert.

    Was Stockhausens 9/11 betrifft: Das ist weit herum bekannt, kann aber doch kein Grund für ein Aufführungsverbot sein, wie du es hier zu empfehlen scheinst.

  8. @ Hotcha
    Aber im Rahmen rechtsstaatlicher Regeln sollte sich doch auch Kunst bewegen, oder etwa nicht (womit ich nicht sagen will, dass sich die Aufführung oben ausserhalb dieser Regeln befand)?

    Nein, ein Aufführungsverbot wollte ich mit dem Hinweis auf seine Bemerkungen zu 9/11 nicht empfehlen. Ich nahm da – siehe oben – Bezug aufs kritisch/unkritische Publikum.

  9. @titus: niemand sagt, rechtsstaatliche Regeln gälten nicht für die Kunst. Höchstens Du: „Kunst. Da ist alles erlaubt.“ (am Anfang deines Beitrags). Also widersprichst Du dir, nicht mir?

    Warum hast du denn die 9/11 Bemerkung überhaupt gemacht, wenn es nicht darum ging, die Berechtigung dieser Aufführung in Frage zu stellen? Oder hast Du es einfach nicht gewusst, dass Stockhausens Bemerkung auf breite Entrüstung stiess? Ihm blies damals und noch danach vom ‚kritischen Publikum‘ ein scharfer Wind ins Gesicht, hier nur ein Link dazu: http://www.sueddeutsche.de/kultur/im-gespraech-konrad-boehmer-ein-laecherlicher-clown-1.377951

    Also ist deine Behauptung falsch, wahrscheinlich der Emotion geschuldet. Stockhausens Kunst provoziert halt immer noch, wie schon in den 50ern.

    Da mit dem Benzinargument zu kommen, ist schon ein wenig beckmesserisch. Wahrscheinlich hattest einfach schlechte Laune? Kommt vom Mainstream-Fernsehgucken hehehe.

    http://www.sueddeutsche.de/kultur/karlheinz-stockhausen-der-elektrische-gott-1.796244

  10. @ Hotcha
    Erklär‘ mir Doch zuerst, was Du unter „Staatskunst“ verstehst, sonst reden wir u. U. aneinander vorbei.

  11. @Titus: da zitiere ich mich der Einfachheit doch selbst, enteile nämlich grad in die Ferien. Staatskunst, weiter oben: „Kunst muss nicht ‘sinnvoll’ sein. Zu Ende gedacht, würde das zu Staatskunst führen. Kunst im Dienste von irgendwas ist nie Kunst, sondern bestenfalls Kunsthandwerk. “ Kunst im Dienste des Staates, also auch der Politik, der Wirtschaft, des Erziehungswesens, der Justiz, der guten Sitten, der Umwelt, der Moral, möglichst noch der Familie… Grad weil niemand zweifelsfrei weiss, was in all diesen Belangen richtig ist, grad darum darf sich die Kunst drum futieren und auch heliköpterlen. Sonst braucht es nämlich ein Kunstministerium, das erlaubt und verbietet.

    Unter Staatskunst kann man natürlich auch die ‚Kunst der Staatsführung‘ verstehen, belehrt mich Wikipedia. Aber das kann ich ja kaum gemeint haben in unserem Zusammenhang hier.

  12. @ Hotcha
    OK, demnach verstehen wir das Gleiche darunter, weshalb ich nun meinen Einwand vortragen kann: Wenn sich Kunst innerhalb gewisser Schranken zu bewegen hat, welche ein Staat festlegt und damit dessen juristischen, moralischen oder sonstigen Grenzen widerspiegeln, ist das dann keine Staatskunst? Damit wird doch ganz einfach ohne eine Kunstministerium festgelegt, was erlaubt und was verboten ist, oder?

    Und: Wenn etwas nicht verboten ist, dann darf man es zwar machen („Kunst darf alles“). Aber weil etwas nicht explizit verboten ist, heisst das doch nicht, dass dies dem entspricht, was unter die schwammigen, ungeschriebenen „guten Sitten und Gebräuche“ oder den „guten Geschmack“ fällt. Gegen beides darf man verstossen, was dann aber häufig Anlass dafür gibt, etwas zusätzlich explizit zu verbieten. Damit leistet im Falle der Kunst der Kunstschaffende, der diese Grenzen überschreitet, der so genannten Kunstfreiheit einen Bärendienst. Dann hast Du noch mehr staatlich eingeschränkte Kunst…

  13. wenn Künstlern nichts anderes mehr einfällt ….

    Stockhausen hat natürlich recht, wenn er Kunst von Können ableitet, und Kunst als Handwerk versteht. Ob es schwierig war, die Türme zu terffen, weiss ich nicht. Das gleiche könnte man sagen, wenn einer einen Schuss aus grosser Entfernung auf einen Unschuldigen abgibt, ein Treffer wäre auch Kunst.

    Ob der Begriff Kunst so zu interpretieren ist, wie Stockhausen es getan hat, glaube ich weniger. Wer nicht mit seinem Schaffen Aufmerksamkeit erregt, versucht es halt mit Provokation.

    Das dient meistens nicht der Sache, aber gibt viel zu reden. Das wiederum hält alle davon ab, wichtige Dinge zu tun.

  14. @titus. Man hat also rechte sollte sie aber nicht zu oft bis zu ihrer grenze ausnutzen. Sonst könnten sie einem wieder weggenommen werden
    Na ja. Würdest du das auch über rechte von frauen kindern arbeitern gewerkschaftern ausländern sagen? Wie gehabt: kunst provoziert links wie rechts.
    Im übrigen bestimmt der staat bei uns noch nicht in fragen der moral. Obwohl links wie rechts das gern gesehen würde. Wie das beispiel hier vermuten lässt

  15. @ Hotcha
    Meine Antwort oben enthält zwei Teile:
    – Teil 1 = Der Rechtsstaat setzt klare Grenzen (an die sich jeder halten sollte).
    – Teil 2 = Nicht alles ist eindeutig verboten (oder erlaubt), es besteht aber ein Grundverständnis darüber „was sich gehört“ und was nicht (Sitten und Gebräuche). Das ist, wie bereits erwähnt, eine schwammige Grösse.

    Wenn klare Grenzen bestehen (Teil 1), weshalb sollen Frauen, Kindern Arbeitnehmende usw. nicht bis an diese Grenzen gehen dürfen?

    Meine „Befürchtung“ bezog sich jedoch auf Teil 2: „Was sich gehört“ ist eine schwammigen Grösse. Trotzdem gibt es auch da Momente, wo viele der Auffassung sind, dass eine gewisse, nicht klar gezogene Grenze überschritten wurde. Wegen der Schwammigkeit lässt sich nichts dagegen ausrichten, ergo wird der Ruf nach „gesetzlichen Rahmenbedingungen“ laut, was dann definitiv einschränkt, sollte der Gesetzgeber diesem Ruf folgen.

    Und ob Kunst provoziert, liegt wohl (auch?) im Auge des Betrachters, ebenso die Frage, wo Kunst beginnt und wo sie endet.

    Zu Staat und Moral: Der Staat in einer Demokratie sind letzten Endes wir. Wir bestimmen, ob wir es beispielsweise moralische verwerflich finden, Waffen zu exportieren oder nicht (oder ob wir der Doppelmoral unterliegen wollen, uns als neutral zu bezeichnen, währenddem wir Waffen exportieren). Und die von uns gewählten Volksvertreter legen als Gesetzgeber z. B. Strafnormen fest, hinter denen eine bestimmte Moral steckt, oder sie sehen keinen moralischen Grund, etwas gegen so genannten „Abzocker-Löhne“ zu unternehmen. Die Einschätzung, was höher wiegt, ob die unternehmerische Freiheit oder mehr soziale Gerechtigkeit, ist doch auch eine moralische Wertung, oder etwa nicht?

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