Familiäre Migrationshintergründe

Gehören Sie zu denen mit oder ohne Migrationshintergrund? Falls Sie einen Migrationshintergrund haben, ist es ein inländischer oder ein ausländischer? Und wie gut integriert sind Sie überhaupt?

Sie werden vielleicht überrascht sein, aber es entspricht der Wahrheit: Ich bin ein Migrant. Es kommt sogar noch schlimmer: Ich bin ein schlecht integrierter Migrant. Und wissen Sie was? Ich bemühe mich nicht einmal sonderlich um meine Integration. Mangelnder Integrationswille könnte man das nennen.

Zwar habe ich einen Schweizer Pass, bin aber letzten Endes doch nur ein «Papierlischwiizer». Denn: Die SVP sagt, «Schweizer wählen SVP». Und ich wähle nicht die SVP, ergo bin ich kein Schweizer. Ich kann darum nur ein «Papierlischwiizer» sein.

Schlecht integriert

Weil ich da, wo ich jetzt wohne, in Biel/Bienne, weder das Bürgerrecht habe noch da geboren wurde, bin ich eben ein Migrant. Und weil ich weder Mitglied im örtlichen Fussballverein, im örtlichen Schützenverein oder in einer der zahlreichen örtlichen Guggenmusiken bin, ja weil ich nicht einmal ein ausgesprochener EHC Biel-Fan bin, kann ich nur schlecht integriert sein. Jede andere Schlussfolgerung ist nicht plausibel.

Mein mangelnder Integrationswille zeigt sich auch dadurch, dass ich nach rund dreieinhalb Jahren hier in Biel noch immer keinen Kurs besucht habe, um die Sprache der Einheimischen zu erlernen. Damit nicht auffällt, dass ich dem Bärndüütsch nach Bieler Idiom noch immer nicht mächtig bin, wechsle ich einfach ins Französische.

«Bonjour» fällt eben weniger auf als dieses scharfe und arg nach Zürich klingende «Grüezi», welches viele Berner zuerst zusammenzucken und dann schier tödliche Blicke verteilen lässt. Und was bringt es schon, wenn ich mit einem breit ausgesprochenen «Grüessech» einen Berner vortäusche, mich dann aber schon beim ersten Satz als schlechten Konvertiten verrate?

Zürcher bin ich trotzdem nicht, oder fast nicht. Dem Namen nach bin ich Thurgauer. Aber das ist relativ. Denn erstens sollen Spuren meines Geschlechts ins Burgund führen, was vermutlich mit dem seinerzeitigen Einfall der Burgunder im Zusammenhang steht. Also bin ich irgendwie auch Franzose. Und zweitens verdanken ich meinen Familiennamen meinem Grossvater väterlicherseits. Dessen Frau, also meine Grossmutter, war aber eine Zürcherin. Also bin ich doch auch etwas Zürcher.

Meine Grossmutter väterlicherseits stammte von einem Geschlecht ab, welches – so sollen Ahnenforscher herausgefunden haben – mit Wilhelm Tell verwandt sein könnte. Sofern es den überhaupt gab und nicht bloss der Fantasie eines Deutschen namens Schiller entsprang. Also bin ich vielleicht ein potentieller Ur-Schweizer.

Aber dann kommt noch meine Mutter ins Spiel. Ich traue es fast nicht zu sagen, aber – ihre Eltern, also meine Grosseltern, waren beides Aargauer. Ich trage trotzdem nicht ständig weisse Socken… 😉 Demnach bin ich vielleicht doch nicht so ein Ur-Schweizer, wie das meine Grossmutter väterlicherseits vermuten lässt.

Und angeblich soll die eine Ur-Grossmutter mütterlicherseits eine Deutsche gewesen sein. So genau weiss ich das nicht, weil ich sie nie kennengelernt habe. Dass dem so war, hatte allerdings nicht nur mit dem relativ grossen Altersunterschied zu tun. Sie hatte sich zu einer Zeit in eine Schweizer Familie «eingeheiratet», zu welcher man den Kontakt zu Deutschen eher vermied… Nun denn, dann bin ich halt auch noch ein Stückchen Deutscher.

Kein richtiger Schweizer

Ich vermute sogar, dass in mir je nach Tageszeit auch asiatisches Blut fliesst. Dabei stütze ich mich auf die Tatsache ab, dass ich frühmorgens immer jeweils Schlitzaugen habe. Je länger der Tag dauert, desto besser gelingt es mir jeweils, diese Herkunft zu negieren… 😉

Sie sehen: Ich kann kein richtiger Schweizer sein. Ich bin mindestens ein inländischer Migrant.

Doch ich habe Glück: Trotz meines desolaten Integrationsgrades und der mangelnden Kenntnisse über die örtliche Sprache machen die hier im Kanton Bern zwischen mir als inländischem Migranten mit einem solchen kunterbunten Migrationshintergrund und den alteingesessenen Bernern keinen Unterschied.

Die lassen mich sogar teilnehmen an den hiesigen Abstimmungen und an der Wahl ihrer Häuptlinge und dies obwohl ich noch keine fünf Jahre ortsansässig und auch nicht mit einer waschechten Bernerin verheiratet bin oder mit einer solchen wenigstens ein Techtelmechtel habe – was man auch immer unter waschecht versteht…

Und weil die hier in gar nichts einen Unterschied machen, erhält ein alteingesessener Bieler, welcher die Stadtkasse ausraubt, die gleiche Strafe dafür wie wenn ich die gleiche Tat beginge. Wir würden beide nach Verbüssung der Freiheitsstrafe im städtischen Kerker nicht einmal vor die nicht mehr existierenden Stadttore gesetzt. Das haben die nun davon mit ihrem stadtgrenzenüberschreitende Personenverkehr… 😉

Ein ausländischer Migrant

Mein Schwager ist kein inländischer Migrant. Er gehört zu den ausländischen Migranten. Eigentlich ist er ein «Papierlimigrant», denn stünde da nicht ein anderes Land auf seinem Pass, würde ihn kaum etwas von «uns Schweizern» unterscheiden, schliesslich ist er hier geboren und aufgewachsen. Ein so genannter Secondo eben. Der Ausdruck «gut integriert» erscheint in seinem Fall etwa so wie wenn man glauben würde, er stamme von einem anderen Planeten.

Würden wir gemeinsam die Bieler Stadtkasse ausrauben, würde er nach Verbüssung seiner Freiheitsstrafe ausgeschafft, sollte die Ausschaffungsinitiative der SVP oder deren Gegenvorschlag des Parlaments angenommen werden. Ich hingegen würde nicht einmal vor die nicht mehr existierenden Stadttore gesetzt.

Das Groteske dabei ist: Würde sich mein Schwager einbürgern lassen, droht ihm auch keine Ausschaffung mehr. Das Schweizer Bürgerrecht macht ihn aber weder zu einem besseren noch zu einem schlechteren Menschen. Und es macht auch mich nicht zu einem besseren oder schlechteren Menschen.

Bis anhin gab es für ihn keinen Grund, sich einbürgern zu lassen. Genauso wie ungefähr 65 Prozent der Schweizer, welche sich kaum an der Abstimmungs- oder Wahlurne zeigen, interessiert er sich auch nicht sonderlich für Politik, weshalb er das Fehlen der politischen Rechte, welche nur den Schweizern zustehen, auch nicht beklagt.

Kaum erkennbar, weil…

Die Schweiz hat heute einen Ausländeranteil von 21,7 Prozent. Mehr als jeder Fünfte ist also das, was wir «Ausländer» nennen. Dazu zählt auch mein Schwager. Ich sehe aber weder in ihm noch in jedem Fünften einen Ausländer.

Das liegt aber wohl kaum an mir, das liegt wohl eher daran, dass diese «Ausländer» so gut integriert sind, dass wir sie auch gar nicht mehr als Ausserirdische Ausländer wahrnehmen.

Wir gehen mit ihnen in den Ausgang, betreiben mit ihnen Sport, verbringen gemeinsam gemütliche Stunden, lachen mit ihnen, gehen gemeinsam ins Kino usw. Es gibt auch gar keinen Grund, überhaupt von «ihnen» zu sprechen und sie so zu einer Sonderkategorie zu machen.

Schauen Sie sich doch selber einmal in Ihrem Umfeld um, in Ihrer Familie, Ihrem Freundeskreis oder in Ihrem beruflichen Umfeld. Sie werden wahrscheinlich Mühe haben, überhaupt zwischen Schweizern und Nicht-Schweizern unterscheiden zu können. Selbst das äussere Erscheinungsbild kann täuschen.

Und viele von ihnen – so gut sie auch immer integriert sein mögen – haben keinen Schweizer Pass. Dazu gab es für sie bisher auch kaum einen Anlass.

Für Ihre Schwägerin oder Ihren Kollegen «mit Migrationshintergrund» könnte aber bald ein anderes Recht gelten, sollte die fragliche Initiative oder deren Gegenvorschlag angenommen werden. Ihnen sollte nie etwas zustossen, das sie zu einem verurteilten Straftäter macht, da ansonsten deren Ausschaffung droht, obschon sie hier zu Hause sind und sich auch hier zu Hause fühlen.

Lebenslang ein Musterschüler?

Gewiss: Keiner dieser «gut integrierten Ausländer» dürfte irgendwelche bösen Absichten haben. Aber würden Sie als Schweizerin oder Schweizer heute von sich behaupten, dass Sie Ihr Leben lang nie in Konflikt mit dem Gesetz geraten werden?

Ich würde dafür meine Hand nicht ins Feuer legen. Umstände können blitzartig eintreten oder ändern, die uns dann in dem Moment instinktiv und/oder «unvernünftig» reagieren lassen. Dazu gehört beispielsweise die schon mehrfach zu vernehmende Theorie, dass (evolutionsbedingt) in jedem von uns ein Mörder stecken soll.

Aber es muss ja nicht gleich so dick kommen. Wir kennen alle stressige Situationen, in denen wir schon einmal rot sehen können und teilweise falsch oder teilweise überreagieren. Das gehört selbstverständlich abgestraft, sollte hierbei jemand zu Schaden kommen.

Dabei jedoch jene noch zusätzlich mit der Ausschaffung abzustrafen, deren Pass nicht rot ist und ein weisses Kreuz enthält, obschon sie sich hier zu Hause fühlen und so sehr in unsere Gesellschaft integriert sind, dass wir sie kaum mehr als Ausländer wahrnehmen, ist falsch.

Weder die Initiative noch der Gegenvorschlag unterscheiden zwischen den «gut integrierten Ausländern», welche kaum negativ auffallen und «den Anderen». Das tut nur die aktuelle Gesetzgebung, welche eine Berücksichtigung aller Umstände für jeden einzelnen Fall vorsieht.

Jene Nicht-Schweizer, welche kaum negativ auffallen, sind definitiv in der Mehrheit. Diese Behauptung beruht auf dem Umstand, dass wir heute wohl ganz andere Problem hätten, wenn dieser Fünftel der Schweizer Bevölkerung nicht so gut integriert wäre, wie dies heute der Fall ist.

Übertriebene pauschale Sonderbehandlung

Darum schiessen die Initiative wie auch der Gegenvorschlag übers Ziel hinaus, was ja auch nicht verwundert, wenn man mit Kanonen auf Spatzen schiessen will. Gemeint wäre aber eigentlich eine spezifische Minderheit von Ausländern, die wir alle kennen, die uns allen ein Dorn im Auge ist und die zweifellos ein Handeln mit entsprechenden Massnahmen verlangt.

Wir sollten deswegen aber nicht unsere Nachbarn, Schwägerinnen, Arbeitskollegen usw. «mit Migrationshintergrund» pauschal unter ein Sonderrecht stellen, egal welcher Rechtsbereich mit welchem Schwere-Grad angesprochen sein könnte.

Tun wir dies doch, werden wohl einige sich schnellstens einbürgern lassen, um wieder dem «normalen» Strafrecht unterstellt zu sein. Und ich wiederhole mich: Das macht sie weder zu besseren noch zu schlechteren Menschen, genauso wie wir Schweizer weder bessere noch schlechtere Menschen sind. Es geht hier nur um eine rein administrative Unterscheidung.

Vergessen wir dabei auch eines nicht: In uns allen steckt vermutlich nicht nur ein potentieller Mörder, sondern wahrscheinlich auch ein Migrant, denn niemand hatte Wilhelm Tell zum Vater und Arnold Winkelrieds Schwester zur Mutter.

Und was ein «richtiger Schweizer» ist, drückt sich nicht mittels rotem Pass aus…

7 Antworten auf „Familiäre Migrationshintergründe“

  1. Auch ich bin ein inländischer Migrant und schlecht integriert! Ein Berner in Fribourg!

    Ja, man könnte sogar so weit gehen mich, den potentiellen Blogterroristen ins Ausschaffungsregister aufzunehmen und vorsorglich in „Auslieferungshaft“ zu setzen.

    😉

  2. Ah, du bist auch Thurgauer. Biel scheint ja eine ausserordentliche Anziehungskraft auf Mostinder zu haben, man denke nur an die sich abzeichnende Stadtpräsidenten-Dynastie.
    In meinem Fall ist die Sache ja noch viel schlimmer, denn mein Vater ist als Deutscher auf die Welt gekommen. Damals zählte der Pass der Mutter noch gar nichts und er musste sich am Heimatort seiner Mutter „einkaufen“, wie er immer sagte.
    In letzterem liegt für mich der Punkt. Wenn Einbürgern kein „Einkaufen“ sondern ein „Aufnehmen“ – unter klaren Bedingungen – wäre, hätten wir sicher eine geringere Ausländerquote.

  3. @ Tinu
    Nichts ist mehr, wie es einmal war. Darum wage ich keine Prognose bezüglich Stadtpräsidentenwahl, zumal ich eine Überraschung für möglich halte.

    Natürlich ist kein „Einkaufen“ gemeint. Die Schwierigkeit liegt halt oftmals bei den „klaren Bedingungen“. So gibt es solche, die sich auch nach 20 Jahren noch kaum in einer Landessprache ausdrücken können und andere, die es schon noch 2 Jahren können, wobei die Sprachkompetenz wiederum auch von der persönlichen Geschicklichkeit abhängig ist (auch unter uns lernen manche leicht eine Sprache, andere haben mehr Mühe). Darum funktioniert das mit absoluten Vorgaben (z. B. in Jahre ausgedrückt) nicht immer.

    Auf der anderen Seite – und wenn ich nur schon beim Beispiel Sprache bleibe – gibt es auch Schweizer, welche zwar in Mundart den Schnabel weit aufreissen können, welche aber auf dem Papier keine zwei vernünftige Sätze zusammenbringen können – 9 Schuljahre hin oder her.

    Ich frage mich darum manchmal auch, ob wir Schweizer bei einem Einbürgerungstest nicht auch durchfallen würden… Eben: Die Sache ist nicht so einfach.

  4. Die Schlagzeilen im Sinne von „jeder x-te Schweizer würde beim Einbürgerungstest durchfallen“ entstehen natürlich bei Strassenumfragen, wo unvorbereitete Passanten befragt werden. Wer sich für eine Prüfung anmeldet, kann und muss sich vorbereiten. Wenn ein gutes standardisiertes Verfahren 80% der Fälle abdeckt, dann haben die Einbürgerungskommissionen auch Zeit, die Spezialfälle anzuschauen.

    Und wer Schweizer ist, der ist halt Schweizer. Das ist kein Verdienst. Aber auch kein Makel.

  5. Nirgends ist man vor diesen inländischen Migranten sicher. Aber hoppla, ich bin ja selber ein „fremder Fötzel“. Ich lebe zwar seit einigen Jahren im Kanton Luzern, habe aber – psst, nicht weitersagen, sonst bin ich hier unten durch – ursprünglich im Kanton Zürich das Licht der Welt erblickt. Ich konnte mir das zwar nicht aussuchen, aber das ist gerade auf dem Land keine Entschuldigung.
    Und wenn die jetzt noch wüssten, dass ich sowieso nur ein halber Schweizer bin, weil meine Mutter doch in Österreich geboren wurde. Und dann habe ich auch noch – sogar schon zum zweiten Mal – eine Frau mit ausländischem Pass geheiratet. Also bin ich wohl irgendwie, mehr oder weniger, auch etwas ein Migrant. Oder so. Da werde ich wohl aufpassen müssen, sollte es mir in den Sinn kommen, die Stadtkasse auszurauben.

  6. @ Titus
    Tja, irgendwo müssen die vielen Zürcher ja her kommen. Man trifft sie auch dann, wen man gar nicht will… ^^
    Ach ja, und was das Arbeiten in Zürich anbelangt: das machen selbst die Luzerner (ich arbeite zum Glück in der Gegend). Von den Zugern, quasi die Agglo von Zürich, reden wir mal gar nicht.

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