Bedeutende Relativierung

Das Bild der Ausländer in der Schweiz wird (medial) häufig geprägt durch Ausländer, welche sich durch unlautere Methoden bereichern wollen. Ein Blick in die Fakten zeigt aber auch ein anderes Bild.

Ausländer haben es zurzeit in der Schweiz nicht einfach. Sie werden von einigen relativ pauschalisierend für vielerlei Ungemach verantwortlich gemacht. Und sie werden von einigen verdächtigt, nur in der Schweiz zu sein, um sich auf irgendeine Weise bereichern zu können.

Der nachfolgende Beitrag von gestern des Wirtschaftsmagazins «Eco» des Schweizer Fernsehens zeichnet hingegen ein anderes Bild, insbesondere was die Sozialwerke anbelangt:

Ergänzend zwei inhaltliche Bemerkungen zum obigen Beitrag:

  • In der Anmoderation werden praktisch im gleichen Atemzug Sozialhilfe, AHV und IV genannt. Die AHV/IV ist klar von der Sozialhilfe zu trennen, da deren Anwendung als auch deren Finanzierung unterschiedlich sind. Zudem – das wissen viele wahrscheinlich nicht – wird keine Sozialhilfe an Ausländer im Ausland ausbezahlt, ganz im Gegensatz zur AHV/IV.
  • Der Anteil an Beiträgen an die AHV/IV seitens ausländischer Bevölkerung hat eigentlich nichts mit Betrugsfällen zu tun. Warum in diesem Beitrag ein Link zu einem Betrugsfall gemacht und dann die Schlussfolgerung gezogen wird, dass die ausländische Bevölkerung trotzdem mehr einbringe als brauche, ist unerklärlich.

Ungeachtet dieser Punkte zeigt sich einmal mehr, dass wir der ausländischen Bevölkerung auch dankbar sein müssten…

12 Antworten auf „Bedeutende Relativierung“

  1. Dass Ausländer recht häufig unter Generalverdacht stehen, ist nicht erst seit den Abstimmungen zur Ausschaffungsinitiative oder den Minaretten offensichtlich. Stossend erscheint mir, dass immer wieder behauptet wird, die Ausländer liegen uns nur auf der Tasche. Natürlich gibt es solch unschöne Fälle seitens Ausländer – und Schweizern. Schaut man sich aber mal an, was die Heerscharen an hochqualifizierten Fachkräften in unsere Systeme einzahlen und wie wenig sie daraus beziehen, dann sollten wir unsere Einstellung zumindest in der Hinsicht überdenken.
    Zum Thema Sozialhilfe habe ich heute ebenfalls einen Beitrag verfasst: http://ahasoistdas.blogspot.com/2010/12/strafe-fur-leistung-oder-wo-ist-der.html.

  2. Könntest Du bitte auf die Videoseite direkt bei SF.tv verlinken, damit ein Download ohne Flash möglich ist?

  3. Mich überzeugt dieser Fernsehbeitrag nicht – zu wenig Zahlen, zu sehr Momentaufnahme, und ohne Blick auf die möglichen Folgen der Europäisierung der schweizerischen Sozialwerke («Versicherung» möchte ich in diesem Zusammenhang nicht verwenden). Angesichts dieser oberflächlichen Darstellung den Begriff «Recherchen» zu verwenden, getraut sich vermutlich nur ein Journalist …

    Das Thema «Umverteilungspolitik» ist interessant und wichtig, wird aber leider meist nur wie hier bei «Eco» sehr oberflächlich abgehandelt, zu gross sind die Berührungsängste vor unerwünschten Ergebnissen. Markus Schneider verfasste vor einiger Zeit dazu einige lesenswerte Beiträge, wobei es selbstverständlich längst nicht nur um Ausländer vs. Bürger geht, sondern um die gigantischen Umverteilungsströme insgesamt.

  4. @ Martin
    Wie schon meine ergänzende Bemerkungen im Beitrag oben vermuten lassen, bin ich auch nicht begeistert über die Art, wie dieses Thema abgehandelt wurde (normalerweise liefert die Eco-Redaktion Besseres). Am Kern der Botschaft, nämlich dass die ausländische Bevölkerung mehr einzahlt als bezieht, ändert das jedoch nichts.

    Weitere Punkte (welche im Eco-Beitrag auch nicht behandelt wurden), werden/wurden hier diskutiert.

  5. Man verzeihe mir, dass ich das mit einbringe, aber @ Martin bei Markus Schneider würde mich schon lange mal brennend interessieren, ob er nach seinen 2 Hirnschlägen und den damit verbunden gesundheitlichen wie beruflichen Konsequenzen (früher Weltwoche, heute Teilzeit bei der Schweizer Familie), das Weissbuch heute wohl noch genau so schreiben würde, oder ob er vielleicht nicht auch ein ganz klein bisschen froh ist, dass es diese «Umverteilung» gibt…
    Ich hoffe, das klingt nicht hämisch. So ist das nämlich nicht gemeint, ich möchte nur darauf hinweisen, dass sich die Perspektive aus der man etwas betrachtet, manchmal ganz schnell ändern kann und dann kommt man eventuell zu anderen Ergebnissen oder Erkenntnissen über gewisse Dinge…

  6. @Mia: Ich hatte Markus Schneider nie so verstanden, dass er gegen Umverteilung ist. Aber es wäre aus meiner Sicht wünschenswert, dass wir bewusst über diese Umverteilung entscheiden könnten – dazu müssten wir aber wesentlich mehr darüber wissen, gerade auch über die unerwünschten Effekte und schädlichen Anreize.

    Im neuen Weblog von Markus Schneider unter http://schneiderinechtzeit.blogspot.com/ findet man immer wieder Hinweise auf seine Haltung zu diesem Thema. Im April 2009 beispielsweise schrieb er folgenden Blogeintrag:

    Heute steht in der Zeitung , die Kranken sollen sich vermehrt an den Kosten beteiligen, dann sinken die Gesundheitskosten von allein.

    Ich meine: im besten Fall sinken sie ein klein wenig. Leute, die so etwas vorschlagen, vergessen, warum wir überhaupt eine Krankenversicherung abschliessen: nämlich nicht , um uns vor Bagatellen zu schützen. Sondern um uns gegenüber Grossrisiken abzusichern. Ein neue Herzklappe, zwei Hirnschläge, fünf Wochen künstliches Koma – so etwas kann uns allen passieren.

    Und genau deswegen schliessen wir eine Krankenversicherung ab. Weil im Fall des Falls niemand – mal abgesehen von einem Opsel oder Vasella – für die eigenen Kosten aufkommen kann.

    Ich zum Beispiel habe meiner Krankenkasse im Jahr 2007 einige hunderttausend Franken Kosten „verursacht“. Ich wurde als ganz normaler Allgemeinversicherter auf vier Intensivstationen in drei Schweizer Spitälern über Wochen behandelt, am offenen Herz und am offenen Schädel operiert, und daran anschliessend für Monate in zwei Reha-Kliniken verlegt – ohne dass jemand gefragt hätte, wie viel ich selber bezahle. Falls es jemanden interessiert; in jenem Jahr 2007 habe ich exakt ein tausend Franken selber bezahlt – die maximale Franchise plus den Selbstbehalt, wie es in der Grundversicherung üblich ist.

    Okay: Von mir aus darf man gerne darüber reden, ob man diese finanzielle Selbstbbeteiligung etwas erhöhen soll, um zu verhindern, dass wir alle wegen jeder Bagatelle zum Arzt laufen. Aber man darf sich davon keine Wunder erwarten: Die grossen Kosten entstehen in den zum Glück seltenen extremen Ausnahme-Fällen. Just in diesen Fällen darf es aber keine Rolle spielen, wie viel der Patient selber bezahlt.

    Denn wer weiss schon, wen es als nächsten trifft?

    http://schneiderinechtzeit.blogspot.com/2009/04/gesunde-gedanken.html

  7. Mia, ja stimmt. Vieles, was in der Politik im grossen Stile abgeht und wie gesprochen wird, zeichnet sich durch einen Mangel an innerem Reichtum aus.

  8. Passend zum Thema ein Beitrag aus dem gestrigen «10 vor 10»:

    Trotz Arbeit am Ende des Monats ein Loch im Portemonnaie – eine Situation, von der viele Familien des Schweizer Mittelstandes betroffen sind. Schuld daran ist der sogenannte Schwelleneffekt. Wenn das Familieneinkommen ein bestimmtes Bruttoeinkommen übersteigt, fallen Prämienverbilligungen oder Alimentenbevorschussungen weg.

    http://www.videoportal.sf.tv/video?id=95f772d0-ae87-46c4-83a4-e5e0447678d8

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