Ein augenreibendes Jahr

Völlig unverhofft – wie immer bei Frau Habermacher, Hausfrau, Mutter und Nachbarin zur Augenreiberei – klingelte es heute morgen an der Tür. Nun sitzen wir da, eine Tasse Tee vor uns, und führen ein Zwiegespräch…

«Bringt das was?»

«Was?», frage ich zurück.

«Na das… wie nannten Sie es doch gleich? Blocken?» und deutet mit dem Kopf in Richtung meines Bildschirms, auf dem eindeutig mein Blog zu sehen ist.

«Sie meinen bloggen?»

«Genau! Bloggen.»

«Na ja…» beginne ich zögerlich.

«Wasss ‚na ja’?» hakt sie sofort und zischend nach, so als ob sie schon im Vornherein für sich ausgemacht hatte, ein Haar in meinem Tee zu finden.

«Na ja…» versuche ich es erneut.

«Nun bekennen Sie doch endlich Farbe!», fährt sie mir sogleich barsch wieder ins Wort, «so wie das politische Parteien auch immer tun!»

«Die bekennen doch vor allem nur über ihr Logo Farbe», entgegne ich ihr.

«Da haben Sie wohl recht», gibt sie kleinlaut von sich. «Und? Was bringt’s?»

Ich hole aus zu einer rhetorischen Pause, bevor ich ihr ganz ruhig antworte: «Erkenntnis».

«Erkenntnis?», fragt sie ungläubig zurück.

«Genau, Erkenntnis», wiederhole ich mich.

«Klingt langweilig», meint sie nun etwas abwesend, greift zur Teetasse, nimmt einen Schluck, blickt zum Fenster hinaus und stellt die Tasse wieder neben sich hin.

«Finde ich nicht», widerspreche ich ihr und hole damit ihre Aufmerksamkeit wieder zurück ins Wohnungsinnere.

«Erkenntnis…», seufzt sie vor sich hin, bevor ihr Geist dann doch wieder ganz erwacht: «Ja worüber denn?»

«Bankspesen», gebe ich trocken zurück.

Erneut trifft mich ihr fragender Blick: «Bankspesen?»

«Ja, Bankspesen. Welche Bank verlangt am meisten davon und wie viel bleibt Ihnen von Ihrem Zins nach Abzug der Spesen.»

«Ja und? Ist es die UBS?»

Ich zucke mit den Schultern und blicke nun meinerseits abwesend zum Fenster hinaus.

«Nun sagen Sie schon!», fordert sie mich schon nach wenigen Sekunden erneut auf.

«Warum sollte ich?»

«Weil ich es als UBS-Kundin wissen möchte!», schreit sie mich schon beinahe an.

«Ja aber dann erlangen Sie eine Erkenntnis, welche Sie vorhin noch als langweilig hingestellt hatten.»

Jetzt verdreht sie ihre Augen, wohl weil sie sich selber über ihre frühere Aussage ärgert.

«Aber Sie können es ja nachlesen, wenn Sie wollen.»

«Liest denn so was jemand, liest denn überhaupt jemand, was Sie da so in Ihren Blog reinschreiben?»

«Das kommt schon mal vor», gebe ich viel oder nichts sagend zurück.

«Viele?», fragt Frau Habermacher neugierig nach.

«Einige», meine knappe Antwort.

«Wie viele einige?»

«Die Zahl ist nicht so wichtig. Schauen Sie: Gewisse Zeitungen weisen eine grosse Leserschaftszahl aus – und werden trotzdem nicht gelesen.»

«Wie bitte?»

«Sie haben mich schon richtig verstanden. Eine Zeitung gilt statistisch dann als gelesen, wenn sie durchgeblättert wird.»

«Ja und?»

«Viele Artikel bleiben somit ungelesen. Oder lesen Sie jeden Artikel in einer Zeitung?»

«Um Himmels Willen nein! Ich habe schon lange damit aufgehört, die Schandtaten dieses Jones zu verfolgen. Wie hiess er doch gleich wieder mit vollem Namen?», fragt sie sich selber, bevor sie die Antwort gefunden hatte: «Ach ja, Dow Jones hiess der Mann.»

Ich verkneife mir ein Schmunzeln und fahre fort: «Sehen Sie, Zahlen sind nicht so wichtig. Was wirklich zählt, ist das, was beim Einzelnen haften bleibt.»

«Und was bleibt haften?» Diese Frage musste ja kommen…

«Ich weiss es nicht.»

Nun hebt sich ihre rechte Augenbraue, sodass ihr Gesicht eine Mimik einnimmt, durch welche das Aussprechen der nächsten Frage sich erübrigt.

«Ich weiss es wirklich nicht», höre ich mich schon fast entschuldigend und mit angehobenen Schultern sagen. «Niemand dürfte nach dem Lesen einer meiner Artikel gleich sein gesamtes Leben auf den Kopf stellen – aber einige Gedankenanstösse werden wohl schon haften bleiben», füge ich noch hinzu.

«Ja wissen Sie den wenigstens, wer mitliest?», höre ich von ihr in anschuldigendem Ton.

«Selbst wenn ich es wüsste, dürfte ich es Ihnen nicht sagen.»

«Warum nicht? Wir sind doch schon so lange Nachbarn!», kommt es wie aus einer Pistole geschossen.

«Haben Sie schon einmal vom Datenschutzgesetz gehört?»

Jetzt trifft mich ein unsicherer Blick, welcher abgelöst wird von einem verneinenden Kopfnicken.

«Sehen Sie, noch so eine Erkenntnis. Ohnehin sind Besucherinnen und Besucher nur eine Nummer, eine IP-Nummer – so wie bald überall im Alltag…»

«Wie meinen Sie das?»

«Hatten Sie schon mal Probleme mit einer Telefonrechnung?»

«Und ob!», schnellte es sofort aus ihr heraus. «Denen von der Swisscom habe ich aber gleich gesagt, was sie sind…»

Daran habe ich keine Zweifel… «Und als sie anriefen, hat man da nach Ihrem Namen gefragt?», will ich weiter von ihr wissen.

«Wie kommen Sie denn darauf?», fragt sie schier vorwurfvoll zurück. «Die fragen immer zuerst nach meiner Kundennummer.»

«Sehen Sie, Sie sind bei denen eben nur eine Nummer

«Das sagt mein Mann auch immer: Ich wäre eine ganz tolle Nummer…» und errötet ob dem soeben spontan Gesagten.

Verlegen schaut sie nun zur Decke und scheint krampfhaft nach einer neuen Frage zu suchen.

Es fällt ihr aber troztdem nicht allzu schwer: «Stimmt denn das, was Sie da schreiben?»

«Ich weiss es nicht», womit mich wieder ihr ungläubiger Blick trifft, «aber das ist Teil des Ganzen: Das Geschriebene dem Urteil der Öffentlichkeit aussetzen.»

Unschwer erkennbar sehe ich sie nun förmlich nachdenken. «Da sie aber hier unversehrt sitzen, hat man Sie offensichtlich noch nicht hingerichtet.»

Ich lache. «Richtig. Auch verbal halten sich die Kommentare bisher in angemessenem Ton, so wie wir es uns auch in der Politik wünschten

«Das ist doch gar nicht möglich», meint Frau Habermacher kopfschüttelnd. «Vielleicht lesen da einfach nicht die richtigen Leute mit oder sie wagen es nicht, sich zu äussern», sucht sie nach einer Erklärung.

Ich ziehe die Schultern erneut hoch, diesmal zu einem «Vielleicht». «Man muss ja auch nicht immer etwas sagen und schon gar nicht immer gleicher Meinung sein.»

«Das kenne ich. Mein Mann und ich sind auch nicht immer gleicher Meinung. Er sagt dann immer, dass er Recht habe, weil das so in der Zeitung gestanden hätte.»

«Und? Glauben Sie immer was in der Zeitung steht?»

«Genau das sage ich ihm dann auch immer», fühlt sie sich nun in ihrem Widerstand gegenüber ihrem Mann bestätigt.

«Was antwortet er dann darauf?»

«Ach…» und winkt ab. «Die wüssten schon, worüber sie schrieben, meint er dann jeweils.»

«Aha. Woher wissen Sie denn, dass dem nicht so ist?»

«Nun…», druckst sie jetzt etwas verunsichert rum, «ich weiss es nicht genau. Es ist einfach nur so ein Bauchgefühl.»

«Sehen Sie, genau darum blogge ich: Dem Bauchgefühl auf den Grund gehen und das daraus Gewonnene mit anderen teilen.»

«Und? Was kommt dabei heraus?»

«Wie schon gesagt: Erkenntnis. Denn nicht immer stimmt das Bauchgefühl.»

«Oh wie schrecklich!», fährt es aus ihr heraus.

«Warum schrecklich?»

«Weil ich das kenne: Ich posaune meine Meinung heraus und dann… nun, dann merke ich, dass ich falsch lag…», schliesst sie immer leiser ab.

«Genau darum ist ein Artikel auch immer eine aufwändige Sache. Nebst dem Zusammensuchen und dem Niederschreiben der Informationen ist es auch immer ein Ringen mit seinem eigenen Bauchgefühl.»

«Und sehen Sie hier, die Augenringe um meine Augen, und hier, die grauen Haare am Ansatz – alles vom Bloggen bis früh in den Morgen», deute ich nun mit gespielt ernstem Gesicht auf die entsprechenden Stellen, so als ob es darum ginge, mit alten Kriegswunden anzugeben.

Sie ist beeindruckt. Und verwirrt, denn nun legt sich ihre Stirn in Falten. «Warum tun Sie sich das an?»

Ich zögere, und frage mich dann selbst laut: «Idealismus?»

«Idealismus? Wer macht denn heute noch etwas umsonst?!», erwidert sie mir mit hoher, aufgeregter Stimme.

«Och, da gibt es schon noch einige, obschon die Tendenz allgemein wohl eher abnehmend ist…»

«Aber Sie sind ja kein gemeinnütziger Verein, oder?», schrillt sie mir weiter entgegen.

«Nein, wobei…», ich breche dann aber ab. «Aber ich bin mein eigener Verleger, Chefredaktor, Blattplaner, Polygraf, Layouter, Designer, Drucker und Pöstler und den CEO, CFO und COO gibt’s noch gratis dazu».

«Mit diesem Ding da?» fragt meine Nachbarin und zeigt ungläubig mit dem Finger auf den Bildschirm.

Ich nicke.

«Puuhh! Klingt wirklich nach verdammt viel Arbeit…» meint sie beeindruckt.

«Auf jeden Fall möchte ich nicht mehr verzichten, was ich vor einem Jahr begann. Denn vieles um uns herum ist eben nicht so, wie es uns auf den ersten Blick erscheint.»

«Sie meinen, es gibt gar nicht so viel Arbeit?»

Erneut hebe ich meine Schultern zu einer viel oder nichts sagenden Antwort.

«Apropos Verzicht: Möchten Sie jetzt ein Stück Kuchen?», frage ich sie, nachdem sie darauf verzichtet hatte, als ich ihr die Tasse Tee servierte.

«Ja gerne. Jetzt brauche ich ein Stück. Mein Blutzuckerspiegel ist soeben den Bach runter gefallen», meint sie mit Blick auf den Kuchen – und wohl auch als Ausrede für die bevorstehenden Kalorien. «Haben Sie den wirklich selber gemacht?»

«Natürlich!»

«Sie können das?» Abermals trifft mich ihr ungläubiger Blick.

«Warum sollte ich das nicht können?»

«Ich hätte das nicht von Ihnen erwartet…» meint sie zweifeln.

«Eben: Nichts ist so, wie es immer auf den ersten Blick erscheint», wiederhole ich mich.

Sie schweigt. Auch weil sie nun das Stück Kuchen genüsslich verzehrt. Und ich schenke ihr unterdessen nochmals Tee nach.

15 Antworten auf „Ein augenreibendes Jahr“

  1. Aloha, Augenreiberei! Eine Torte zum Blogjubiläum. Bin beeindruckt. Und Frau Habermacher, so ist zu hoffen, kriegt zum nächsten Geburtstag mindestens eine zehnstöckige Torte, sonst gibts richtig Ärger. 😉

  2. Das muss ich noch üben, mit der zehnstöckigen Torte. Ansonsten zieh‘ ich einfach um oder mobbe sie aus dem Haus… 😉

  3. Auch ich gratuliere! Frau Habermacher sei versichert, dass es einige gäbe, die deine „Augenreibereien“ sehr zu schätzen wüssten.
    🙂

  4. Ich weiss gar nicht, ob ich dir eher zur Torte oder zum Blogjubiläum gratulieren soll. Vielleicht eher zur Torte, denn dass du gut schreibst, weiss ich mittlerweilen. Back weiter so … äh mach weiter… also … schreib weiter so!

  5. Alles Gute zum Bloghüttenjubiläum.
    Was Salz und Brot zum Einzug, ist dann wohl Torte zum Jahrestag.
    (Die sieht ja aber auch so was von verdammt guuut aus, klasse Idee!)

    Uff, Frau Wetterferst sitzt mir schon im Nacken, warum sie bei mir immer nur mit einer Tasse schwarzen Kapselkaffee vorlieb nehmen muss, während Frau Habermacher bei dir Kuchen bekommt. 🙂

    Ein Hoch auf die Augenreiberei und viel Zeit und Muse für die nächsten Artikel wünsche ich dir.

    Man liest sich.
    bob

  6. Was für ein herrlicher Dialog zum Blog-Geburtstag! 🙂 Herzlichen Glückwunsch und weiterhin viel Inspiration und Ausdauer für das Verfassen lesenswerter Texte!

  7. Hi titus!
    Ein Jahr Augenreiberei ohne rote Guckerchen gekriegt zu haben, mit Schärfung des Sehvermögens, mit Spass und Munterkeit – in der Tat ein Jubiläum!
    Habe soeben ein Stück Kuchen von ganz hingen stibitzt, rufe «grosses Dankeschön !» und toll mich weg 🙂

  8. Vielen Dank allerseits. Es is ja nur ein Jährchen…

    @ Bugsierer
    Um so fleissig zu sein, reibe ich mir oft die Augen (vor Müdigkeit…).

    @ Dan
    Ich lass‘ es Frau Habermacher wissen.

    @ Tinu
    Schreiben und backen haben auch Gemeinsamkeiten: Es braucht für beide einige Zutaten, die man dann zu etwas Grösserem aufgehen lässt.

    @ Bobsmile
    Wollen wir mal tauschen? Ob Frau Habermacher allerdings bereit ist, sich bei Dir zu zeigen, bezweifle ich eher. Sie ist im Moment ohnehin mit ihren Geranien beschäftigt…

    @ LD
    Die Idee, Frau Habermacher wieder aufleben zu lassen, kam spontan (bei anderen Medien nennt man das Konzern-Journalismus 😉 ).

    @ Quantensprung
    Gern geschehen. Ich hoffe die Kalorien setzen virtuell nicht zu sehr an… 😆

  9. Nur ein Jahr, aber was für eins!

    Ein Jahr voll neuer Erkenntnisse, Staunen und Hinterfragen.
    Ein Jahr, das zum Augenzwinkern und Augenreiben Anlass gab.
    Ein Jahr, indem auch die Lachmuskeln nicht zu kurz kamen.

    Wahrlich ein schönes Jahr.
    Danke Titus

  10. @ Ate
    Vielen Dank und gern geschehen.

    @ Frau Zappadong
    Sogar Onkel Vladimir war gestern hier und ich habe ihm ein Stück für Sie mitgegeben. Haben Sie es nicht erhalten? 😉

  11. Lieber titus … ich war nonstop auf der Piste diese Woche. Wahrscheinlich hat Onkel Vladimir ca. 3 Sekunden auf mich gewartet und dann den Kuchen selber gegessen 🙁

  12. Warum lieber Titus, traut man den Männern nicht zu, dass sie fähig sind eine Torte zu backen? Ist ja wie beim Möbel zusammensetzen eine Schritt für Schritt-Arbeit.

    Wobei, wenn ich bedenke, dass mich mein Göttergatte heute fragte, warum ich den panierten Fisch nicht auf unserem neu erworbenen Grill auf dem Balkon grillte, verstehe ich die Zweifel den gewisse Frauen ihren Mitmännern gegenüber hegen.

    Ein P.S. Titus: Mein letzter Satz sollte lauten: Wahrlich ein schönes Jahr (wenigstens auf Deinen Blog bezogen). Hört sich besser und aufrichtiger an.

  13. @ Frau Zappadong
    Ich merk’s mir fürs nächste Mal: Setze Onkel Vladimir nie als Überbringer von irgendetwas ein… 😉

    @ Ate
    Weil wir noch immer in den alten Rollen gefangen sind und es dementsprechend zuhause nicht lernen. In der Schule ist man glaube ich inzwischen einen Schritt weiter… (zumindest in gewissen Kantonen).

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